Analysen zu Chile

Wie auf einem Altar liegen im chilenischen Menschenrechtsmuseum die Bücher, die die Schrecken der Pinochet-Diktatur dokumentieren. Sie stützen sich vor allem auf die Erkenntnisse von zwei Regierungsausschüssen: der Rettig- und der Valech-Kommission. Auch international wurde die Aufarbeitung der Vergangenheit in Chile intensiv verfolgt. Von den zahlreichen Analysen in deutscher und englischer Sprache sind allerdings nur wenige frei im Netz zugänglich.

Credit: Museum of Memory and Human Rights / CC BY

Versöhnung oder Aufarbeitung?

Mit erhobener Hand steht der sozialistische Präsident Salvador Allende vor einem Wandgemälde in der chilenischen Gemeinde Palmilla. Seine Amtszeit, die von Streiks, Demonstrationen und einer schweren Wirtschaftskrise begleitet war, polarisiert die Chilenen bis heute. Nach dem Ende der Militärdiktatur wollte der erste demokratisch gewählte Präsident Patricio Aylwin die Gesellschaft wieder zusammenführen. Doch die Opfer forderten eine Bestrafung der Täter. Ein Aufsatz schildert den Zwiespalt zwischen Aufarbeitung und Versöhnung.

In einem Sammelband zu Chile haben der deutsch-chilenische Sozialwissenschaftler Norbert Lechner und sein Kollege Pedro Güell 2004 die Schwierigkeiten der Aufarbeitung in ihrem Land beschrieben. Zwar waren laut einer Umfrage von 1986 – also noch während der Diktatur – 71 Prozent der Befragten der Meinung, die Verletzung der Menschenrechte sei ein reales Problem. Und von diesen zeigten sich wiederum 59 Prozent damit einverstanden, dass alle dafür Verantwortlichen nach einem gerechten Prozess bestraft würden. Doch die Wirklichkeit nach dem Ende der Militärdiktatur sah anders aus.

Die Spielräume für eine Aufarbeitung der Verbrechen waren schon deshalb begrenzt, weil der ehemalige Diktator Augusto Pinochet weiterhin Oberbefehlshaber des Heeres blieb. Die Militärs hatten zudem bereits 1978 durch ein Amnestiegesetz dafür gesorgt, dass die meisten Taten für straffrei erklärt worden waren. Erst die Verhaftung Pinochets 1998 in London aufgrund eines spanischen Auslieferungsbegehrens brachte das Thema wieder auf die Tagesordnung – und bewirkte einen „Einbruch der Vergangenheit“, wie es die Autoren nennen. Doch als die britischen Behörden den Ex-Diktator nach anderthalbjährigem Hausarrest wieder freiließen, wurde er in Chile von begeisterten Anhängern empfangen.

Vor dem Hintergrund der gespaltenen chilenischen Gesellschaft analysieren die Autoren den Umgang mit der Militärdiktatur Pinochets. Für sie ist Erinnerung immer eine „soziale Konstruktion“. Denn der gesellschaftspolitische Kontext bestimme die Art, in der das kollektive Gedächtnis die Vergangenheit aufarbeite. Ihre Schlussfolgerung: „In jeder Gesellschaft gibt es eine mehr oder weniger explizite Politik der Vergangenheitsbewältigung, die den Machtrahmen stellt, innerhalb dessen (oder gegen den) die Gesellschaft das erarbeitet, woran sie sich erinnert und was sie vergisst.“

Zum Text von Norbert Lechner und Pedro Güell geht es hier.

Links

Bericht der Kommission für Wahrheit und Versöhnung (englisch)

Bericht der Kommission für politische Haft und Folter (spanisch)

Gedruckte Fassung des Berichts der Kommission für politische Haft und Folter (deutsch)

Spiegel-Artikel über den Bericht der Kommission für politische Haft und Folter

 

Nach der Diktatur. Instrumente der Aufarbeitung autoritärer Systeme im internationalen Vergleich

Ein Projekt am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg

Twitter: @afterdictatorship
Instagram: After the dictatorship

Mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Die Macht der Militärs

Bis an die Zähne bewaffnet warten Ende 2019 zwei Angehörige der chilenischen Nationalpolizei auf ihren Einsatz bei einer Studentendemonstration in Santiago de Chile. Bei Menschenrechtsorganisationen haben die Carabineros einen schlechten Ruf. 1973 hatten sie sich bedenkenlos den Putschisten angeschlossen, ihr Kommandant war Mitglied der Militärjunta. Ein Jahr später wurde die Polizei dem Verteidigungsministerium unterstellt – und blieb es bis 2011. Ein Aufsatz des Hamburger Sicherheitsexperten Michael Radseck von 2004 macht deutlich, wie groß die Macht der Militärs in Chile lange Zeit war – und wie sehr sie die Aufarbeitung behinderten.

„Noch am Vorabend ihrer Machtergreifung am 11. September 1973 eilte Chiles Streitkräften der Ruf voraus, eine besonders professionelle Truppe zu sein. Anders als die meisten ihrer südamerikanischen Waffenbrüder, galten die chilenischen Uniformierten wenn nicht als entpolitisiert (Dahl 1971: 50), so doch in eine(r) gewisse(n) Tradition der Zurückhaltung und Neutralität gegenüber der Politik stehend (Nohlen 1973: 181). Längst ist  vor dem Hintergrund der nach Brasilien längsten Militärherrschaft auf dem Subkontinent  aus diesem vormals positiven Attribut ein negatives geworden. In Anspielung an seine (verfassungs-)rechtliche wie faktische Stellung steht Chiles Militär heute im Ruf, einerseits ein Staat im Staat, andererseits eine vierte Gewalt im Staat zu sein.“ Weiterlesen