Zeitzeugenaussagen aus Südafrika

„Versöhnung zu predigen ist Teil meiner täglichen Aufgabe geworden“, sagt Vusumzi Mcongo in einem Bericht für die Organisation „Projekt Vergebung“. Weil er sich an einem Schulboykott beteiligt hatte, wurde er 1976 verhaftet und bis 1990 auf Robben Island in Haft gehalten. Nach dem Ende der Apartheid begann er, Besuchergruppen durch das Gefängnis zu führen. Doch nicht alle Opfer der Gewalt sind wie er der Meinung, dass die Täter unbestraft bleiben sollten.

Credit: HelenOnline / CC BY-SA 3.0

„Die Hunde jagten und bissen uns“

„Crossroads“ (Kreuzung) heißt dieser dicht besiedelte Stadtteil am Rande von Kapstadt. Der Name geht darauf zurück, dass Arbeiter einer nahegelegenen Farm hier Anfang der 1970er Jahre an einer Straßenkreuzung ihre Behausungen errichteten. 1977 lebten in dem Gebiet bereits rund 18.000 Menschen, heute sind es mehr als doppelt so viele. Weil das Gebiet nicht für Schwarze vorgesehen war, wurden die Bewohner früher regelmäßig von der Polizei verjagt. Beauty Skefile, die dort jahrelang in einer Hütte aus Segeltuch lebte, erinnert sich. 

"Die Hütte versteckten wir jeden Tag und wir mussten häufig von einem Ort zum anderen ziehen, weil die Polizei immer wieder kam, um uns zu finden. Sie wollten uns nicht in Crossroads haben. Sie sagten, Kapstadt sei nur für die Weißen und wir könnten unsere Hütten dort nicht aufstellen. Sie versuchten, uns zu verjagen.

Jeden Morgen nach dem Aufwachen mussten wir die Hütte abreißen, bevor die Polizeiinspektoren kamen. Dann versteckten wir alles, was wir besaßen unter ein paar Steinen, damit die Polizei es nicht fand und zerstörte. Waren sie weg, bauten wir die Hütte wieder auf. Das mussten wir etwa vier Jahre lang jeden Tag machen, denn wenn die Polizei unsere Hütte fand, schoben sie sie einfach um und schütteten Sand über alles und versuchten, sie zu zerstören.

Dann mussten wir mit unserem Haus woanders hinziehen, weil die Polizei wiederkam. Sie kamen sogar mit ihren Hunden. Manchmal kamen sie am Tag, manchmal am Nachmittag und manchmal in der Nacht, viele auf einmal. Wenn die Polizei nachts kam, waren wir manchmal nackt und rannten, weil die Hunde uns jagten. Wir mussten aufstehen und fliehen, sonst hätten uns die Hunde gebissen. Eines Tages fiel ich während der Flucht und sie bissen mich ins Bein. Ich war sehr wütend und habe geweint.

Die Hunde haben mich zwei Mal gebissen. Ich weiß nicht, was wir getan hatten, dass sie uns keinen Platz zum Bleiben geben wollten und uns mit Hunden jagten. Wir konnten hören, wenn sie mit ihren Sirenen, die 'Whee, whee, whee' machten, kamen. Der erste, der sie hörte, rief: 'Kubomvu', was bedeutet: 'Es ist rot, sie kommen!' Es war eine Warnung von uns Schwarzen untereinander.

Manchmal kamen fünf oder sechs Polizisten, manchmal auch 20 oder mehr. Wir sahen sie auf der einen Seite und rannten weg, aber sie kamen auch aus der anderen Richtung. Als wir wieder weg rannten, waren sie auch auf der anderen Seite. Der verantwortliche Polizist war ein großer Mann mit schwarzen Haaren und einem langen Gesicht, er hieß Herr Basson. Wir kannten diesen Herrn Basson, denn er kam häufig und schimpfte und brüllte uns dann an. Wir hatten große Angst vor ihm.

Das erste Mal, als sie kamen, habe ich geschlafen. Ich hörte draußen Lärm und Menschen, die wütend schrien. Als ich nach draußen ging, sah ich viele Leute, die Herrn Basson wegstießen. Aber die Polizei kam mit Verstärkung zurück und schob die Hütten mit ihren Bulldozern um. Mit ihren Hunden, Gewehren und Maschinen waren sie viel stärker als wir. Dabei waren die Hunde beängstigender als die Gewehre, denn die Hunde jagten und bissen uns. Aber nach einer Weile ließen sie uns in Ruhe.

Sie versuchten, uns Angst zu machen. Einmal setzten sie uns alle auf viele große Lastwagen, die der Regierung gehörten. Wir waren eine Menge Leute, aber sie haben uns nur auf die Lastwagen geschoben. Wir hatten keine Zeit, irgendetwas zu packen, was wir mitnehmen konnten. Der LKW fuhr in die Nähe von Stellenbosch, wo der Fahrer anhielt, um Benzin zu holen. Wir waren hinten drin und sangen laut. Als der Lkw anhielt, hämmerten wir an die Tür. 'Was wollt ihr?', fragte der Mann. 'Wir wollen gehen und pinkeln', sagten wir. Er ließ uns raus, und wir rannten weg und trampten alle zurück nach Crossroads."

Quelle: southafrica.co.za/apartheid-experiences-attempted-forced-removals.html (englisch)

Links

Zeitzeugenvideos mit ehemaligen Gefangenen auf Robben Island (englisch)

Website der Organisation "Projekt Vergebung" (englisch)

 

Nach der Diktatur. Instrumente der Aufarbeitung autoritärer Systeme im internationalen Vergleich

Ein Projekt am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg

Twitter: @afterdictatorship
Instagram: After the dictatorship

Mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

 

„Ich erkannte, dass ihr Fuß verbrannt war“

„Necklacing“ (eine Halskette umlegen) heißt in Südafrika eine besonders grausame Form der Lynchjustiz. Ein mit Benzin getränkter Autoreifen wird dabei dem Opfer um den Hals gelegt und angezündet. Gefilmt wurde der Vorgang erstmals am 20. Juli 1985 in einem Township bei Johannesburg. Ein Mob von Anti-Apartheid-Aktivisten tötete damals die 24-jährige Maki Skosana als vermeintliche Informantin. Die Bilder wurden zum Symbol für die Gewalt im Kampf gegen die Apartheid. 1997 berichtete ihre Schwester Evelina Moloko der Wahrheitskommission über den Mord.

„Als ich zur Grabstelle kam, sah ich ihren Körper. Wenn du den Körper deiner Schwester ansiehst, fühlst du es in deinem eigenen Körper. Man fühlt etwas als Schwester. Ich näherte mich ihr von den Füßen her und ich konnte die Füße identifizieren. Ich konnte sie als meine Schwester identifizieren. Aber ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, weil ein großer Stein auf ihrem Gesicht und auch auf ihrer Brust lag. Und ich ging herum, um zu versuchen, den Körper zu identifizieren. [...]

Ich entdeckte, dass ihr alle Zähne fehlten. Bevor sie starb, hatte sie 32 Zähne, ihr hatte kein einziger Zahn gefehlt. Sie hatte auch eine große Lücke am Kopf, sie war verletzt und sie war vom Feuer angesengt. Aber sie war nicht wirklich verbrannt. Ich erkannte, dass ihr Fuß verbrannt war und dass sie grausam zu Tode gequält worden war. Ich sah mir ihr Gesicht an, und ihr Gesicht sah genauso aus wie das ihres Sohnes. Ich fragte mich auch, warum sie diesen riesigen Stein auf ihr Gesicht legen mussten, und in diesem Moment weinte [meine Freundin] Silwana. Ich weinte nicht. Ich hatte damals so viel Mut, Gott hatte mir so viel Kraft gegeben. Ihre Beine waren auseinandergenommen worden... Ich ging in ein naheliegendes Haus, um Hilfe zu holen. Ich bat sie, mir Papier zu geben, damit ich den Leichnam meiner Schwester am Grab bedecken konnte. [...]

Wir trafen Vorbereitungen für die Beerdigung, und danach gab es Gerüchte, dass niemand in den Ort Skhosana kommen sollte, wo wir wohnten. Wer auch immer gesehen würde, dass er dort hingeht, würde das gleiche Schicksal wie meine Schwester erleiden. Unsere Verwandten kamen, um sie zu beerdigen, und uns wurde gesagt, dass wir nur als Familienangehörige daran teilnehmen sollten. Das war sehr schmerzhaft. 

Wir fuhren nach Natalspruit, um mit meinen Onkeln die weiteren Vorbereitungen für die Beerdigung zu besprechen. Wir gingen zur Leichenhalle und suchten einen Sarg aus. Während wir noch weitere Vorbereitungen trafen und darauf warteten, dass die staatliche Leichenhalle uns mitteilte, wann sie mit der Obduktion fertig seien, rief der Besitzer der Leichenhalle meinen Bruder auf der Arbeit an. Er sagte ihm, er hätte gerade einen Anruf erhalten, dass sie seine Leichenhalle niederbrennen würden, wenn er Maki beerdigen sollte. Er hätte Angst, die Beerdigung durchzuführen oder Maki zur Grabstelle zu überführen. Er wolle sich deshalb zurückziehen. Er sagte, wir sollten sehen, was wir mit dem Leichnam machen wollten. Er war nicht mehr involviert.

Zu diesem Zeitpunkt wurde uns klar, dass sich die ganze Welt gegen uns verschworen hatte.“

Quelle: https://www.justice.gov.za/trc/hrvtrans/duduza/moloko.htm (englisch)