Analysen zu Südafrika

Von der Seite sieht man nur einen Haufen Metallstangen, doch von vorne erkennt man das Gesicht Nelson Mandelas. Das Denkmal steht dort, wo der Führer der Anti-Apartheid-Bewegung 1962 verhaftet wurde. Vor allem mit seinem Namen wird der Weg Südafrikas bei der Aufarbeitung seiner Vergangenheit verbunden. Doch während Mandelas Versöhnungspolitik in vielen Staaten der Welt bewundert wurde, mehren sich in der Wissenschaft inzwischen die kritischen Stimmen.

Credit: Jeremy Bishop / Unsplash

Ernüchterung statt Heilung

Zufrieden blickt der Erzbischof von Kapstadt, Desmond Tutu, bei einer Anhörung der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission ins Publikum. Der Friedensnobelpreisträger war von Nelson Mandela zum Vorsitzenden der Kommission berufen worden. Nicht nur in Südafrika wurde ihre Arbeit mit großem Interesse verfolgt. Auch im Ausland untersuchten viele Experten den Versuch, die Wunden der Vergangenheit durch einen Dialog zwischen Opfern und Tätern zu heilen.

Die erste Diplomarbeit über die Wahrheits- und Versöhnungskommission wurde schon geschrieben, als diese ihre Tätigkeit gerade erst aufgenommen hatte. Bereits im Oktober 1996, zehn Monate nach deren Einsetzung, reichte Gunnar Jeremias Theißen beim Fachbereich Politische Wissenschaften der Freien Universität Berlin eine Untersuchung zu den ersten Reaktionen in Südafrika ein. Seitdem haben sich Wissenschaftler aus der ganzen Welt mit der Idee beschäftigt, nach jahrelangen blutigen Kämpfen zu versöhnen statt zu bestrafen.

Ob der südafrikanische Weg erfolgreich war, darüber gehen die Urteile weit auseinander. Der deutsche Sozialwissenschaftler Andreas Audretsch kam 2007 in seiner Magisterarbeit zu dem Ergebnis, das Konzept der Wahrheitskommission sei die „bestmögliche Strategie“ gewesen, der Apartheid zu begegnen. Deutlich skeptischer war dagegen das Urteil des Theologen Ralf K. Wüstenberg. In einer vergleichenden Studie warnte er ein Jahr später vor einer „verfehlten Romantisierung der Versöhnungsbemühungen“ in Südafrika. Seine Bilanz: „Eine strafrechtliche Aufarbeitung wurde verhindert, eine Amnestie durchgesetzt, die Wiedergutmachung auf das Moralische begrenzt und Disqualifizierungen im öffentlichen Dienst verhindert.“

Auch die österreichische Historikerin Beatrix Aigner schrieb 2008 in ihrer Diplomarbeit, dass sich bald nach dem Ende der öffentlichen Anhörungen Ernüchterung breit gemacht habe. Die Täter, die sich geweigert hätten mitzuwirken oder deren Amnestieanträge abgewiesen worden seien, seien am Ende trotzdem straffrei geblieben. Auch an den Lebensumständen der meisten Südafrikaner habe sich seit dem Übergang zur Demokratie nichts verändert. Dem Kommissionsvorsitzenden Tutu wirft sie sogar vor, die Opfer unter Druck gesetzt zu haben, den Tätern zu vergeben.

Im englischen Sprachraum differieren die Urteile ebenfalls. Der ehemalige Exekutivsekretär der Kommission, Paul van Zyl, betonte 1999 in einem Aufsatz die zahlreichen Vorteile und positiven Resultate des südafrikanischen Modells. So ermöglichten Wahrheitskommissionen eine breitere Untersuchung von Schuld jenseits enger und oft legalistischer Definitionen. „Weit davon entfernt, eindeutige Urteile über Schuld oder Unschuld in komplexen Konflikten zu fällen, zwingen Kommissionen die Menschen dazu, kritisch über die Vergangenheit nachzudenken, und machen es ihnen so unmöglich, das Leiden der Opfer leichtfertig abzutun.“

Weniger euphorisch ist das Urteil des Forschungsdirektors am Zentrum für das Studium von Gewalt und Versöhnung in Kapstadt, Hugo van der Merwe. Aufgrund des kurzen Mandates und der geringen Mitarbeiterzahl der Kommission sei eine objektive Untersuchung der etwa 20.000 gemeldeten Fälle unmöglich gewesen. Der Kommission sei es auch nicht gelungen, Zugang zu den Militärarchiven zu erhalten, weil sie es nicht gewagt hätte, von ihren Durchsuchungsbefugnissen Gebrauch zu machen. Von den Opfern, die sich gemeldet hätten, seien zudem nur etwa zehn Prozent öffentlich gehört worden. Vor allem aber seien die Empfehlungen der Kommission zu ihrer Entschädigung nicht umgesetzt worden. Erst 2003 hätten diese einmalig 30.000 Rupien ausgezahlt bekommen - ein Viertel des vorgeschlagenen Betrages.

Ähnlich argumentiert Jasmina Brankovic, die am selben Zentrum wie van der Merwe tätig ist. In einem bilanzierenden Aufsatz schreibt sie, dass insbesondere aus dem Staatsapparat vergleichsweise wenige Täter bereit gewesen seien, sich der öffentlichen Beschämung auszusetzen. „Das implizite Ziel, die Täter zu einer Entschuldigung zu bewegen, wurde nicht in nennenswertem Umfang erreicht.“ Aber auch die Mehrheit der Opfer, so Brankovic, sei von der Kommission enttäuscht gewesen, weil es in den meisten Fällen nicht zu einem Dialog mit den Tätern gekommen sei. Durch ihre Teilnahme hätten sie jedoch ihren Anspruch aufgeben müssen, dass die Verantwortlichen strafrechtlich verfolgt würden oder Schadensersatz leisten müssten. Der Staat habe nicht nur sie unzureichend entschädigt, sondern auch eine Wiedergutmachung für andere Opfer verweigert.

Links

Website der Wahrheits- und Versöhnungskommission (englisch)

Website des Zentrums für das Studium von Gewalt und Versöhnung (englisch)

Studie von Hugo van der Merwe and Guy Lamb über Aufarbeitung in Südafrika

 

Nach der Diktatur. Instrumente der Aufarbeitung autoritärer Systeme im internationalen Vergleich

Ein Projekt am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg

Twitter: @afterdictatorship
Instagram: After the dictatorship

Mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Erlebnistherapie gegen schwarz-schwarze Gewalt

Endlos dehnen sich die Wellblechhütten am Stadtrand von Johannesburg. Unter dem Namen Soweto bildeten sie bis 2002 eine eigene Stadt. Berühmt wurde sie vor allem durch einen blutig niedergeschlagenen Schüleraufstand im Jahr 1976. Weniger bekannt ist, dass sich in den Townships rund um Johannesburg Anfang der 1990er Jahre Schwarze auch untereinander erbitterte Gefechte lieferten. Stephanie Schell-Faucon hat ein Projekt untersucht, das die Anführer verfeindeter Gruppen durch eine Form der Erlebnistherapie zu versöhnen versuchte.

Katorus ist eine Township-Agglomeration 50 Kilometer südlich von Johannesburg. 1993 und 1994 kam es hier und anderswo zu blutigen Kämpfen zwischen Anhängern der Inkatha Freedom Party (IFP) und des African National Congress (ANC). Die „schwarz-schwarze Gewalt“ verursachte mehr Todesopfer als 50 Jahre Apartheid. Vor allem männliche Jugendliche beteiligten sich daran – und wurden dabei oftmals selber schwer traumatisiert. Mit einer therapeutischen Expedition ins Hochgebirge versuchten zwei Psychologen in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, die verfeindeten Jugendlichen zusammenzuführen.

In ihrer 2004 erschienenen Doktorarbeit schildert die Erziehungswissenschaftlerin Stephanie Schell-Faucon ausführlich das Wilderness Trail and Therapy Project (WTTP) einer Friedensstiftung in Südafrika. Obwohl die Autorin an den Wanderungen nicht selbst teilgenommen hat, analysiert sie anhand von Interviews deren Ablauf und Wirkungen.

Viele Jugendliche, so die Autorin, hätten sich in der Zeit der gewaltsamen Auseinandersetzungen in den Townships an die täglichen Schießereien gewöhnt. Selbst die öffentliche Verbrennung von Menschen durch einen mit Benzin übergossenen Autoreifen („necklacing“) sei nach einiger Zeit nichts Besonderes mehr gewesen. Einige Interviewpartner hätten sogar von Neugier, Aufregung, Freude oder Spaß an der Beobachtung von Gewalt gesprochen.

Während die Jugendlichen anfangs mit Benzinbomben, Pangas und Messern gekämpft hätten, seien sie später auch mit Schusswaffen ausgestattet worden. Unterstützt von ihren Gemeinden seien regelrechte paramilitärische Einheiten entstanden. Drogen und Alkohol hätten den jungen Männern dabei das Gefühl von Stärke und Macht vermittelt.

Die erste Exkursion fand Mitte 1996 mit nur einem einzigen ehemaligen Anführer statt. Erst nach langen Verhandlungen hätten die Kommandeure zugestimmt, einige ihrer ehemaligen Kämpfer mit dem "Feind" in die Berge zu schicken. Viele Kommandanten selbst hätten erst 1998 an einem Trail teilgenommen. Insgesamt seien bis zum Jahr 2000 mehr als 30 Bergbesteigungen durchgeführt worden, an denen im Durchschnitt zwölf Jugendliche mitgewirkt hätten. Insgesamt nahmen mehr als 300 Kämpfer verfeindeter Gruppen daran teil.

Ausführlich beschreibt die Autorin den Ablauf der „Wilderness Therapy“ – vom ersten Treffen der Teilnehmer, der angespannten Stimmung während der Busfahrt in die Drakensberge bis zu den physischen Herausforderungen bei der Besteigung des bis zu 3482 Meter hohen Bergmassivs. Gebete, Rituale und traditionelle Metaphorik sollten die Jugendlichen dazu bewegen, sich dem eigenen "inneren Biest" zu stellen. Beim Abseilen und Durchqueren von Wasserschluchten und Tunneln seien neue Gruppenerfahrungen entstanden. Hauptziel sei es gewesen, den Teilnehmern ein Gefühl persönlicher Stärke und Vertrauen in ihre Weggefährten zu vermitteln.

Die Bilanz der Autorin ist positiv: Das neu gewonnene Selbstwertgefühl habe es den Jugendlichen ermöglicht, ihre familiären und nachbarschaftlichen Beziehungen zu verändern. Ohne die Halt gebende Gruppenatmosphäre auf der Exkursion und ohne die Möglichkeit, sich in einem intimen Schonraum fern des Alltags im Township anzunähern, wäre eine derartige Veränderung nur schwer erreichbar gewesen. Das intensive Gemeinschaftserlebnis habe die Teilnehmer auch im Nachhinein noch zusammengeschweißt – zumindest eine Weile lang.

Zur Studie der Autorin geht es hier (S. 125-246, German).