Zeitzeugenaussagen aus Äthiopien

„Wofelala“ – so hieß diese in Äthiopien praktizierte Foltermethode, bei der die Gefangenen an einen Stock gebunden, zwischen zwei Tische gehängt und geschlagen wurden. Die Gedenkstätte für die Opfer des Dergue-Regimes hat sie nachgestellt. Schätzungen zufolge wurden in Äthiopien Ende der 1970-er Jahre etwa 50.000 Menschen ermordet. Viele Verfolgte leiden noch heute unter den Erinnerungen an eine Zeit, die als Roter Terror in die Geschichte Äthiopiens einging.

Credit: Insights Unspoken / CC BY-SA

„Ich bin immer noch traumatisiert“

Die englischsprachige Website des Menschenrechtsgedenkprojektes der Afrikanischen Union (AU) hat mehrere Zeitzeugenberichte über die Verfolgungen während des Roten Terrors dokumentiert. Ein Betroffener, dessen Name nach Angaben der Organisation nicht öffentlich gemacht werden soll, erinnert sich an seine Verhaftung im Jahr 1978.

„Ich war erst 20 Jahre alt, als mich die äthiopischen Sicherheitsbeamten des Dergue-Regimes im August 1978 beschuldigten, mich an subversiven Aktivitäten beteiligt zu haben, und mich ins Gefängnis brachten. Ich war einer der wenigen politischen Gefangenen, die das Glück hatten, nach sieben Jahren Haft lebend aus dem Gefängnis Alem Bekagn herauszukommen. Ich bin jetzt ein 54-jähriger Mann und die Erinnerungen an meine Gefangenschaft verfolgen mich bis heute. In Alem Bekagn wurde ich gefoltert und geschlagen, vor allem auf die Fußsohlen. Ich wurde zahlreichen Vernehmungen unterzogen und dazu gebracht, Verbrechen zu gestehen, die ich nie begangen habe.

Bevor ich nach Alem Bekagn verlegt wurde, wurde ich in Keftegna 25 festgehalten, ein Gefängnis, das mit Hunderten von Gefangenen gefüllt war. Einige wurden so schwer geschlagen und gefoltert, dass sie für lange Zeit unbeweglich wurden. Eine besonders herausragende Geschichte war die eines Häftlings, dessen Rückgrat gebrochen war und der folglich seine Gliedmaßen nicht mehr kontrollieren konnte. Rückblickend kann ich mich glücklich schätzen, dass ich solche Verletzungen nicht erlitten habe. Vielleicht lag das an der Intervention eines Freundes der Familie, der zufällig ein hoher Beamter in der Regierung war. Wir waren wir dort in einer überfüllten, stinkenden Zelle eingesperrt. Wir durften sie nur für eine halbe Stunde verlassen, einschließlich eines kurzen Besuches am Morgen und am Abend auf der Toilette, den wir in Zehnergruppen unter den wachsamen Augen der Wachen absolvierten. (…)

Der schrecklichste Vorfall während meiner Inhaftierung, an den ich mich erinnere, war der Fall von Shimelis, einem Freund von mir, der drei Tage hintereinander nach seiner Gefangennahme durch den berüchtigten ‚Metzger von Addis Abeba‘, Kelbessa Negewo1, brutal gefoltert wurde. Kelbessa, verbüßt derzeit eine lebenslange Haftstrafe. Shimelis wurde vor ein Erschießungskommando gestellt, überlebte aber auf wundersame Weise die drei Schüsse. Sein mit Kugeln durchbohrter Körper wurde in den Straßen von Addis Abeba entsorgt. Eine Kugel brach seine Nase zwischen seinen Augen, so dass ein Auge erblindete, eine andere Kugel durchschoss sein Rückenmark und die letzte Kugel drang in seine Rippen ein. Er wurde von einem Passanten entdeckt und glücklicherweise in ein Krankenhaus gebracht. Nachdem sich sein Zustand etwas stabilisiert hatte, wurde er wieder ins Gefängnis gebracht. Sein Gesicht war so entstellt, dass ich ihn einfach nicht wiedererkennen konnte. Er wurde später freigelassen, aber ich sah ihn nie wieder. Später hörte ich, dass er erneut ins Gefängnis gebracht wurde und dabei starb.

Ich habe viele Familienmitglieder und Freunde durch die Kampagne des Roten Terrors verloren. Ich bin immer noch traumatisiert von der Angst und Unsicherheit, die man empfindet, wenn Freunde vorgeladen und zu Tode gebracht oder schwer gefoltert werden. Die meisten meiner engsten Freunde sind jetzt Überlebende dieser schrecklichen Ära. Wir unterstützen uns gegenseitig, um die Narben zu heilen, die Alem Bekagn in uns hinterlassen hat. Ereignisse wie diese

Ich denke, Gedenkveranstaltungen sind so wichtig, damit wir alle daran erinnert werden, dass sich eine solche Geschichte nicht wiederholen darf. Ich wünsche mir Veranstaltungen wie diese, die breiter gefasst werden müssen, um alle Akteure vergangener Gräueltaten zu umfassen. Ich weiß, dass Aufzeichnungen über die Gräueltaten nicht ordnungsgemäß aufbewahrt werden. Sie sollten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.“

Quelle: http://alembekagn.org/au-memorials/106-the-red-terror-memorial (eigene Übersetzung)

1) Kelbessa Negewo war Vorsitzender einer der 25 Zonen von Addis Abeba. Er wurde beschuldigt, persönlich die Folter und Ermordung politischer Gegner in der Zeit des Roten Terrors überwacht zu haben. 1987 zog er in die USA, wo er von einer Frau zufällig wiedererkannt wurde. In Äthiopien wurde er daraufhin in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt und 2006 von den USA ausgeliefert.

Link

Informationen des Menschenrechtsgedenkprojektes der Afrikanischen Union (AU) über Verfolgungen in Äthiopien (englisch)

Nach der Diktatur. Instrumente der Aufarbeitung autoritärer Systeme im internationalen Vergleich

Ein Projekt am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg

Twitter: @afterdictatorship
Instagram: After the dictatorship

Mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

„Folterungen waren eine tägliche Erfahrung“

Das äthiopische Dokumentations- und Forschungszentrum sammelt Unterlagen und Zeitzeugenberichte über die Zeit des Roten Terrors. Aus einem Interview mit einem ehemaligen Gefangenen wurde der folgende Bericht zusammengestellt.

„Ich bin ein Überlebender des Roten Terrors, jetzt 55 Jahre alt. 1978, im Alter von 21 Jahren, wurde ich für fünf Jahre inhaftiert. Ich war beschuldigt worden, Mitglied der Revolutionären Demokratischen Front der Äthiopischen Völker (EPRDF) zu sein. Ich wurde verhaftet, nachdem mein Freund und Genosse mich verraten hatte, was typisch für die damalige Politik war.

Zuerst wurde ich in das örtliche Keftegna 25 Gefängnis gebracht. Später wurde ich in das Zentralgefängnis in Alem Bekagn verlegt. Folterungen aller Art waren für die Gefangenen eine tägliche Erfahrung. Ich sah auch Mitgefangene mit faulen Wunden, einige verloren sogar ihre Zehen. Ich erinnere mich noch lebhaft an einen kleinen Jungen, der an übermäßiger Folter starb. Meine schlimmste Erinnerung an diese schrecklichen Tage waren jedoch die Massenmorde, die ich miterlebt habe. Die Menschen wurden aus unserer Mitte genommen und kehrten nie zurück. Ich habe immer noch ihre Mimik aus Tapferkeit, Verwirrung und Unglauben vor Augen. Auch ich wurde gefoltert, aber angesichts der schweren Folter, die meine Freunde und andere Insassen durchgemacht haben, halte ich meine für unbedeutend.

Als die Massenschlachtungen nachließen, wurde ich nach Alem Bekagn verlegt. Aber die Angst und der Schock hielten immer noch an, da kein Gefangener sicher sein konnte, am nächsten Tag den Sonnenaufgang zu sehen. Wir waren damals über 300 Gefangene, aber die Zahl schwankte. Zum Frühstück und Abendessen bekamen wir dort kaum essbares Brot mit einer Tasse Tee. Das Mittagessen bestand vor allem aus Brot mit einer Tasse wässsriger Wot-Sauce und einfachen Bohnen oder Erbsen ohne Öl, Gewürze oder andere Zutaten. Als es Massenzusammenlegungen gab, waren alle Zellen sehr überfüllt, was die Krankheiten anwachsen ließ. Die Schlange für unsere tägliche Essensration und den Gang zur Toilette war sehr lang. Ich erinnere mich an einen Typhusausbruch, bei dem viele Häftlinge ums Leben kamen.

Für das Gefängnispersonal hatte das menschliche Leben keinen Wert. Sie vergaßen sogar die Menschen, die sie getötet hatten. Gewöhnlich riefen sie eine Liste von Gefangenen auf, die freigelassen werden sollten. Manchmal riefen sie dabei auch fälschlicherweise Menschen auf, die sie bereits getötet hatten. Einige Gefangene entkamen, indem sie vorgaben, der Verstorbene zu sein.

Ich habe gemischte Erinnerungen an Alem Bekagn. Die meisten sind düster, aber einige verdienen es, geschätzt zu werden. Die Überlebenden kommen zusammen und wir bieten uns jetzt gegenseitig Unterstützung an. Einige haben sogar Vereinigungen gegründet, um bedürftigen Menschen zu helfen.

Alem Bekagn ist ein Vermächtnis. Es repräsentiert unermessliche Gräueltaten, die vor der Haustür der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) verübt wurden. Es ist unerlässlich, hier ein Museum vor Ort zu errichten, um an die gegenwärtigen Führer Afrikas die Botschaft zu senden: ‚Nie wieder‘.“

Quelle: http://alembekagn.org/au-memorials/106-the-red-terror-memorial (eigene Übersetzung)