Analysen zu Äthiopien

„Äthiopien, Äthiopien, Äthiopien zuerst“ - so lautete die erste Zeile der Nationalhymne Äthiopiens zwischen 1975 und 1992. „Sei Erster im Sozialismus – gedeihe, sei fruchtbar!“, fuhr die Hymne fort. Obwohl die DDR enge Beziehungen zu Diktator Mengistu Haile Mariam unterhielt, der unter anderem Traktoren und Textilmaschinen von ihr erhielt, gibt es kaum deutschsprachige Untersuchungen über sein Regime. Die wenigen Analysen über den Roten Terror sind auf Englisch erschienen.

Credit: Ninaras / CC BY

Eine Epoche von dauerhafter Bedeutung

Der Rote Terror war eine Zeit intensiver politischer und interkommunaler Gewalt im revolutionären Äthiopien in den späten 1970er Jahren. Zu diesem Schluss kommt der britische Afrika-Historiker Jacob Wiebel in seiner nur auf Englisch veröffentlichten Untersuchung über den Beginn des kommunistischen Militärregimes am Horn von Afrika.

Zwei Jahre nach der Revolution von 1974 sei die Gewalt ausgebrochen und habe sich auf die Städte Äthiopiens, insbesondere auf Addis Abeba, Gondar, Asmara und Dessie, konzentriert. Im Kampf um die Richtung der Revolution hätten sich Oppositionsgruppen der radikalen Linken gewaltsam gegen ein Militärregime gewandt, das selber eine marxistisch-leninistische Politik verkündete und sich stark auf den Einsatz bewaffneter Gewalt verließ, um abweichende Meinungen zu ersticken. Während zuvor ein Großteil der Gewalt von Sicherheitspersonal verübt wurde, sei die Delegierung der staatlichen Gewalt an neu gebildete Milizen und bewaffnete Bürger ein bestimmendes Merkmal des Roten Terrors gewesen.

Wie viele Menschen dabei ums Leben kamen, sei nach wie vor umstritten. Die genaue Anzahl hänge auch davon ab, ob die Opfer des Bürgerkrieges um die Regionen Eritrea und Tigray mitgerechnet würden. Plausible Zahlen deuteten jedoch auf mehr als 50 000 Tote hin, zusätzlich zu vielen weiteren Opfern von Folter, Flucht oder anderen Formen der Gewalt. Auch nach der Zeit des Roten Terrors dauerte die Gewalt in Äthiopien bis 1991 weiter an.

Zur vollständigen Analyse von Jacob Wiebel geht es hier (englisch, Registrierung erforderlich).

Link

Zum Profil des Afrika-Historikers Jacob Wiebel (englisch)

 

Nach der Diktatur. Instrumente der Aufarbeitung autoritärer Systeme im internationalen Vergleich

Ein Projekt am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg

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Mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

 

Eine verpasste Gelegenheit

Wie kann man in einem Land einen Regimewechsel durchführen, ohne dass es zu Despotismus und Anarchie kommt? Für den Übergang von einer autoritären Herrschaft zur Demokratie wurde das Konzept der Übergangsjustiz entwickelt. Der Generaldirektor der äthiopischen Agentur für Zivilgesellschaft, Jima Dilbo Denbel, hat in einer nur auf Englisch vorliegenden Fallstudie die Übergangsjustiz in Äthiopien untersucht.

Bei einem Regimewechsel, so der Autor, käme es darauf an, sowohl die Interessen der Opfer als auch die der Gesamtgesellschaft zu berücksichtigen - statt ausschließlich auf die Verfolgung der Täter zu setzen. Strafprozesse reichten nicht aus, um den Opfern Versöhnung und Heilung zu bringen. Dass die Bitte um Entschuldigung durch ehemalige Regierungsbeamte nicht aufgegriffen worden sei, bezeichnet er deshalb als "verpasste Gelegenheit". Hätte das neue Regime ihnen erlaubt, aus freiem Willen und nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit zu sagen, statt an einer strengen Inhaftierung oder der Todesstrafe festzuhalten, hätte dies seiner Meinung nach zur Heilung der Opfer geführt.

Zur vollständigen Analyse von Jima Dilbo Denbel geht es hier (englisch).