Russland - Das Land

Mehr als siebzig Jahre herrschte in Russland eine kommunistische Diktatur. Millionen Menschen kamen unter Parteichef Josef Stalin ums Leben. Viele Russen sehen in ihm gleichwohl vor allem den Herrscher, unter dessen Führung die Sowjetunion Hitler-Deutschland besiegte. Bis heute liegt die diktatorische Vergangenheit wie ein Schatten über dem Land. 

Das Erbe des Diktators

Russland – offiziell: Russländische oder Russische Föderation – ist mit einer Fläche von rund 17 Millionen Quadratkilometern der größte Staat der Erde. Von den rund 144,5 Millionen Einwohnern leben mehr als drei Viertel im dichtbesiedelten europäischen Teil. Der dreimal größere asiatische Teil ist überwiegend dünn besiedelt. Die Mehrheit der Bevölkerung ist russisch-orthodox.

Das erste russische Reich entstand im 9. Jahrhundert: die Kiewer Rus, deren Herrscher kurz vor der Jahrtausendwende den christlich-orthodoxen Glauben annahmen. Das Reich zerfiel jedoch wieder und die Mongolen eroberten 1240 das Gebiet. Über 200 Jahre später begründete der Moskauer Großfürst Iwan III. ein neues russisches Reich. Er nannte sich Zar (von lat. „Caesar“ bzw. griech. „Kaisar“), da er sich als Nachfolger der byzantinischen Kaiser betrachtete. In mehreren Kriegen wurde das Zarenreich nach Westen, Osten und Süden ausgedehnt. Im 18. Jahrhundert stieg Russland, dessen Hauptstadt unter Peter dem Großen von Moskau nach Sankt Petersburg verlegt wurde, zu einer der führenden Großmächte Europas auf.

Im Zeitalter der Industrialisierung blieb Russland jedoch hinter der Entwicklung in Mittel- und Westeuropa zurück. Massendemonstrationen, Streiks und Bauernaufstände mündeten 1905 in eine erste Erhebung gegen die Zarenherrschaft. Unter dem Eindruck gewaltsamer Proteste von Arbeitern und Soldaten dankte der Zar im Februar 1917 schließlich ab und eine aus Parlamentsabgeordneten gebildete provisorische Regierung übernahm die Macht.  

Radikale Marxisten unter Wladimir Iljitsch Lenin und Leo Trotzki organisierten am 25. Oktober 1917 (nach heutigem Kalender am 7. November) in der russischen Hauptstadt einen bewaffneten Umsturz. Ein Rat der Volkskommissare übernahm die Macht. Er verbot alle nichtsozialistischen Zeitungen, übernahm die Industrie und schuf eine neue Geheimpolizei: die Tscheka. Die neue Regierung ließ mehrere Hunderttausend Menschen erschießen, darunter den Zaren und seine Familie. Das frei gewählte Parlament – die Konstituierende Versammlung – wurde im Januar 1918 bei seiner ersten Zusammenkunft gewaltsam aufgelöst. Die Hauptstadt wurde zurück nach Moskau verlegt.

Auf den Oktoberputsch folgte ein mehrjähriger Bürgerkrieg. Die kommunistischen Bolschewiki („Rote“) kämpften gegen Regimenter adliger Offiziere der alten Armee („Weiße“) und diverse Interventionstruppen. Über zwölf Millionen Menschen kamen damals ums Leben, vor allem Zivilisten. Nach ihrem Sieg gründeten die Bolschewiki 1922 die Sowjetunion. Zwei Jahre später starb Lenin und Josef Stalin machte sich schrittweise zum Alleinherrscher.

Stalins Diktatur währte mehr als ein Vierteljahrhundert. Durch seine Politik kamen Millionen Menschen ums Leben. Die erste große Verfolgungswelle richtete sich gegen die Bauern, deren Besitz ab Ende der 1920er Jahre zwangskollektiviert wurde. Bis zu 600.000 Menschen fielen dem Kampf gegen die sogenannten Kulaken zum Opfer.  In der Folge kam es Anfang der 1930er Jahre zu einer schweren Hungersnot („Holodomor“), der allein in der Ukraine mindestens 3,5 Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Einen zweiten Höhepunkt bedeutete der sogenannte Große Terror.  Nach vom Politbüro der Kommunistischen Partei vorgegebenen Quoten wurden zwischen 1936 und 1938 etwa 1,5 Millionen Menschen festgenommen und rund 700.000 hingerichtet. Unter den Exekutierten befanden sich auch Dutzende frühere Mitstreiter Lenins, die in den Moskauer Prozessen zum Tode verurteilt worden waren, sowie fast die Hälfte aller sowjetischen Offiziere. In sogenannten nationalen Operationen wurden rund 350.000 Menschen ermordet, die ethnischen Minderheiten angehörten.

Im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg kam es zu zahlreichen weiteren Opfern stalinistischer Verfolgungen. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 besetzte die Sowjetunion verschiedene Nachbarländer  und deportierte mehrere hunderttausend Bewohner in Arbeitslager. Zehntausende wurden ermordet, darunter über 22.000 gefangene Offiziere der polnischen Armee.

Nach dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion 1941 kamen mehr als 25 Millionen Sowjetbürger ums Leben. Für die hohen Verluste machte der sowjetische Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow Stalins Politik später mitverantwortlich. 8,6 Millionen Rotarmisten starben bei Kriegshandlungen, weitere drei Millionen in deutscher Kriegsgefangenschaft. Darüber hinaus wurden mindestens 15 Millionen Zivilisten getötet. Allein von den rund vier Millionen Juden, die in den von Deutschland besetzten Gebieten wohnten, wurden etwa drei Viertel von den Besatzern umgebracht.

Aber auch die Sowjetunion war dafür verantwortlich, dass zahlreiche Menschen außerhalb der Kriegshandlungen ums Leben kamen. So wurden zwischen 1941 und 1945 etwa 2,3 Millionen Angehörige verschiedener Nationalitäten innerhalb der Sowjetunion umgesiedelt, von denen mehr als 300.000 starben. Von den über drei Millionen deutschen Kriegsgefangenen in sowjetischem Gewahrsam kam rund ein Drittel ums Leben. Bei den 272.000 als Zwangsarbeiter verschleppten deutschen Zivilisten lag die Todesrate ähnlich hoch. Auch von den zweieinhalb Millionen früheren Sowjetbürgern, die die Westmächte aus Westeuropa repatriierten, starben viele durch Selbstmord, Exekutionen oder in Filtrations- und Arbeitslagern.

Nach dem Tod des sowjetischen Diktators am 5. März 1953 leitete sein Nachfolger Nikita Chruschtschow einen Prozess der „Entstalinisierung“ ein. Die "Hauptverwaltung der Lager" (abgekürzt: GULag) wurde 1956 formell aufgelöst und etwa 70 Prozent der Lagerinsassen wurden entlassen. Insgesamt waren rund 18 Millionen Menschen im "Archipel Gulag" inhaftiert gewesen, von denen mindestens 1,6 Millionen gestorben waren. Das politische Tauwetter unter Chruschtschow endete mit dessen Ablösung durch Leonid Breschnew 1964.

Erst unter dem 1985 ins Amt gekommenen Parteichef Michail Gorbatschow durfte wieder öffentlich über Stalins Terror gesprochen werden. 14 Teilrepubliken der Sowjetunion erklärten 1990/91 ihre Unabhängigkeit. In Russland übernahm mit Boris Jelzin 1991 erstmals ein demokratisch gewähltes Staatsoberhaupt die Macht. Nach einem misslungenen Putschversuch wurde die Kommunistische Partei  auf dem Gebiet Russlands verboten und die Sowjetunion zum Jahresende aufgelöst.

Die Russländische Föderation, wie sich die Russische Sowjetrepublik seit 1992 nannte, übernahm alle völkerrechtlichen Rechte und Pflichten der Sowjetunion. Nach einer Volksabstimmung erhielt das Land 1993 eine neue Verfassung mit einem semipräsidentiellen Regierungssystem. An die Stelle der Planwirtschaft trat ein marktwirtschaftliches System mit starkem staatlichem Einfluss.
Die 1990er Jahre waren von ungewöhnlicher Freiheit, aber auch von Kriminalität, Korruption und wirtschaftlichem Niedergang bestimmt. Im Jahr 2000 wurde der vormalige KGB-Offizier, Chef des Inlandsgeheimdienstes und bisherige Ministerpräsident Wladimir Putin Präsident der Russischen Föderation. Unter ihm entwickelte sich Russland wieder zu einem autoritären Regime mit weitgehend gleichgeschalteten Medien und ohne wirksame Opposition. Auch die Aufarbeitung der stalinistischen Vergangenheit wurde deutlich schwieriger. Die russische Führung stellte nun den Sieg über Hitler-Deutschland ins Zentrum ihrer Geschichtspolitik mit der Folge, dass 70 Prozent der Russen Stalin heute positiv sehen (Stand: November 2020). 

Russländische Föderation

Fläche:17.075.400 km²  (ohne Krim)
Einwohner:144,5 Mio. (ohne Krim, 2018)
Bevölkerungswachstum: 0,20 % jährlich (2012)
Bevölkerungsdichte:8 Einwohner pro km²
Regierungssitz:Moskau
Amtssprache:Russisch
Politisches System:Semipräsidentielles System
Staatsoberhaupt:Präsident Wladimir Putin (2000-2008; seit 2012)
Regierungschef:

Ministerpräsident Michail Mischustin (seit 2020)

Freiheitsstatus:20/100
BIP pro Kopf:28.184 USD (kaufkraftbereinigt, 2019)
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