Zeitzeugenaussagen aus Peru

Die winzigen Fotos getöteter Peruaner im "Ort der Erinnerung" in Lima zeigen nur einen kleinen Ausschnitt des Leidens der Bevölkerung zwischen 1990 und 2000. Früh sammelte die Wahrheitskommission Tausende Aussagen von Opfern, Zeugen, Angehörigen, aber auch von Tätern. Viele davon hat das Dokumentations- und Erinnerungszentrum des Museums ins Internet gestellt, teilweise auch als Video.

Credit: Jon Kolbert / CC BY-SA 4.0 

„Sie hatten in ihre Köpfe geschossen“

Mit versteinerten Gesichtern hören die Indio-Frauen zu, als Víctor Huaraca Cule der peruanischen Wahrheitskommission berichtet, wie er 1983 von einem Kommando des „Leuchten Pfades“ überfallen wurde. Im Alter von 23 Jahren verlor der aus der Ayacucha stammende Nationalpolizist dabei sein linkes Bein sowie drei Zehen am rechten Fuß. Nur durch ein Wunder überlebte er. Im April 2002 schilderte er der Kommission seine Erlebnisse.

„Wir hatten einen Brückenkontrollpunkt. (…) Gegen sechs Uhr nachmittags (…) wurden wir von ungefähr fünfzig ... sechzig Subversiven angegriffen, die in Lastwagen ankamen. (…) Sie befahlen uns, uns zu ergeben. Da wir eine Pflicht gegenüber der Heimat hatten, und die … und eine Pflicht gegenüber den Bürgern, haben wir uns dagegen entschieden. Wir haben dem Angriff widerstanden, der wirklich ein Angriff war … Sie haben uns mit allem getroffen, mit Sprengstoff, Kugeln, Dynamit. Von uns Vieren begannen meine Gefährten einer nach dem anderen zu fallen. (…) Sie befahlen uns, uns zu ergeben und unsere Waffen zu übergeben. Aber wir haben einen Kodex der Militärjustiz, dass wir wirklich keine Waffen aushändigen können, die uns der Staat gegeben hat, um die Bürger zu verteidigen (...)

Ich entschied mich für einen Rückzug in Richtung... zu einem Depot... wo wir die Waffen und die Munition hatten. (…) Da sehe ich einen Dynamit-Kracher auf mein linkes Bein fallen, der mich in die Luft schleudert. Im selben Moment war ich ohne Kleidung, hatte einen Teil meines linken Beines und meines rechten Fußes verloren. Nun, sagte ich, nun … meine Zeit ist gekommen … und wenn ich sterben muss, werde ich mit dem sterben, der ankommt. (…) Verwundet wie ich war, entschied ich mich, hinter einer Wand Deckung zu suchen. Da sprengten sie den ganzen Posten.

Wenn sie den Posten in die Luft sprengen … das ist es vielleicht, was mich rettet. Ich danke Gott, der mich rettet. Das deckt mich zu, und … nun, sie treten ein … reden. (…) Sie nehmen die Waffen mit, (…), lassen mich zurück und denken, dass es… Der ist bereits am Ende, da die Beine auf einer Seite liegen und alles, denken sie, ich bin schon gestorben. (…)

Verwundet wie ich war, beginne ich, nach meinen Gefährten zu sehen. (…) Sie hatten in ihre Köpfe geschossen und ihnen einen Teil des Halses abgeschnitten. (…) Da kam von Huamanguilla ein Kokabauer herunter (…). Ich umarmte ihn und sagte: „Wenn du mich nicht von hierher wegbringst, werde ich sterben. Also bring mich nach Huanta, bring mich zum Gesundheitsposten von Huanta." Als ich aufwachte, war mein Bein bereits amputiert. Es eiterte. Das Gewerbe starb ab. Hier gab es keine verlässliche medizinische Versorgung, um sich um eine Wunde zu kümmern, wie ich sie hatte. (…)

Was mir geschehen ist, passierte mir mit dreiundzwanzig Jahren, zu einer Zeit, als ich gerade anfing zu leben. Ich studierte. (…) Ich hatte danach eine enorme Depression. Ich wollte nicht mehr leben. Ich dachte, ein solches Leben kann ich nicht führen. Aber ich danke Gott, dem Krankenhaus, dem Gesundheitsamt der Polizei, den Psychologen und Psychiatern, die mir geholfen haben, das zu überwinden.“

Zur vollständigen Aussage von Víctor Huaraca Cule geht es hier (spanisch).

Links

Aussage von Víctor Huaraca Cule als Video (spanisch)

Auszüge aus der Filmdokumentation „Die Schreckensherrschaft des ‚Sendero Luminoso‘“

Der Historiker Sebastian Chávez Wurm über die Geschichte des "Leuchtenden Pfades"

 

Nach der Diktatur. Instrumente der Aufarbeitung autoritärer Systeme im internationalen Vergleich

Ein Projekt am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg

Twitter: @afterdictatorship
Instagram: After the dictatorship

Mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

„Jeden Tag ging ich ins Leichenschauhaus“

Ein junger Mann wird in einer Zelle gefoltert. Die Nachbildung im Erinnerungsmuseum in Ayacucho demonstriert, wie das peruanische Militär Inhaftierte quälte und vielfach auch tötete. Der Vater eines der Opfer, ein Polizist, berichtete 2002 der Wahrheitskommission, wie sein Sohn auf dem Heimweg von der Universität in Huancayo plötzlich verschwand. Der 20-Jährige wurde nach schwerer Folter zwar wieder freigelassen, doch musste er ins Ausland gehen.

„Es geschah am 25. August 1992, als Miguel Angel Cieza Galván nach dem Besuch seiner Kurse an der Nationalen Universität des Zentrums in Huancayo von Mitgliedern der peruanischen Armee festgenommen wurde. Er studierte im dritten Jahr an der Fakultät für Elektro- und Systemtechnik und war Sprecher seiner Studiengruppe. (…)

Wie bekannt, durchlief die Nationale Universität des Zentrums von Peru in den Jahren 1991 und 1992 eine sehr schwierige Situation. Täglich kam es zu politischer Gewalt und systematischen Menschenrechtsverletzungen. Viele erinnern sich vielleicht noch, dass männliche oder weibliche Studenten tot auf leeren Grundstücken gefunden wurden. So, meine Herren, lebte man damals in der Universität des Zentrums. (…)

Ich fand heraus, dass ihn zwei Personen in Zivil in einen gelben Volkswagen gezwungen hatten. Danach hörten wir nichts mehr von Miguel Ángel. Am nächsten Tag ging meine Frau zur Kaserne und fragte, ob es Häftlinge gäbe. Sie sagten ihm, dass 19 Studenten inhaftiert seien. Doch drei Tage später waren dort keine Studenten mehr inhaftiert. Dies beunruhigte uns sehr und wir meldeten den Vorfall der Ombudsstelle. Aber die hat uns nicht geholfen. Sie sagten uns nur: „Suchen Sie nach Ihren Kindern." Und: „Durchsuchen Sie auch das Leichenschauhaus“. Denn in der Stadt Huancayo tauchten täglich neue Leichen auf. (…)

Ich forschte nach beim Nachrichtendienst der Polizei, ohne Ergebnis. Also musste ich mich auf die Kaserne „9. Dezember“ in Huancayo konzentrieren. Doch wie? Ich erhielt Unterstützung meiner Mitarbeiter, meiner Chefs, meiner Freunde und Verwandten. So konnten wir einen Freund in die Kaserne einschleusen. Am 1. September um 10 Uhr morgens bekamen wir die Bestätigung, dass Miguel Ángel in der Kaserne war. Wir gingen sofort zur Staatsanwaltschaft und suchten die Kaserne auf. Ich wollte mich selbst davon überzeugen, dass Miguel Ángel dort physisch anwesend war. Aber sie ließen uns nicht in die Kaserne, weder mich noch den Staatsanwalt, obwohl ich sagte, ich hätte ihn gesehen. (...)

Ich ging zum Nationalen Polizeikommando, ich ging zur Justiz, zum Klerus… Meine Herren, ich habe Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt. Ich wollte nur, dass sie wissen, dass mein Sohn da war. Und immer wieder tauchten neue Tote auf. Jeden Tag ging ich ins Leichenschauhaus, um nach seiner Leiche zu suchen. Aber ich fand ihn nicht und das ließ mich mit einem Hoffnungsschimmer zurück. (…)

Die Tage vergingen. Die politische Gewalt, meine Herren, nahm immer mehr zu, bis ich am 23. September einen Anruf erhielt, bei dem mir gesagt wurde: „Ihr Sohn wird in dem Ort ‚La Huaycha‘ im Bezirk Mito ausgesetzt.“ Sofort nahm ich ein Taxi und machte mich auf die Suche nach ihm. Ich war sehr überrascht, dass dort eine große Anzahl junger Menschen war, die den Tag der Jugend feierten. Aber jemand sagte mir: "Ihr Sohn ist im Nebengebäude von San Luis de Yaico." Ich ging da hin und tatsächlich war er da. Aber wissen Sie, was ich gefunden habe, meine Herren? Einen Jungen, der nicht mehr als 50 kg wog, obwohl er einmal 68 kg schwer war. Einen Jungen, der zerfetzt war, mit blutenden Füßen, mit sichtbaren Spuren grausamer Folter. Das habe ich gefunden.

Ich umarmte meinen Sohn und brachte ihn nach Huancayo. Aber ich wusste, dass sie nach ihm suchten. Deshalb habe ich ihn an einen sicheren Ort gebracht, wo er Unterstützung hatte. Ich hatte ihn nun, doch konnte er nichts essen. Jede Nacht stand er auf, schrie, bat, ihn nicht zu töten. Meine Herren, das war schrecklich. Bis heute habe ich dieses schmerzhafte Bild vor Augen. Es ist nicht vorbei! Heute werde ich wieder daran erinnert, dass diese Wunde noch offen ist. Ich weiß nicht, wann sie heilen wird.“

Zum vollständigen Bericht von Oscar Cieza Pereira geht es hier (spanisch).

„Der Krieg entmenschlicht uns“

Mit erhobener Faust schaut der ehemalige Chef der Guerillaorganisation „Leuchtender Pfad“ Óscar Ramírez Durán 1999 in die Fernsehkameras. Gerade hatte ihn ein Gericht des Fujimori-Regimes zu lebenslanger Haft verurteilt. Vier Jahre später suchten ihn Mitarbeiter der Wahrheitskommission im Gefängnis auf und baten ihn, seine Sicht auf den bewaffneten Konflikt darzulegen. In einem Video distanzierte er sich von der Gewalt.

Darf man Mördern ein öffentliches Forum bieten? Die Entscheidung der peruanischen Wahrheitskommission, mit inhaftierten Vertretern linksradikaler Terrororganisationen Videointerviews durchzuführen und diese bei einer Anhörung abzuspielen, war mutig, aber auch umstritten. Die Kommission wollte nicht nur die Beweggründe für den Kampf im Untergrund verstehen, sondern auch Möglichkeiten der Versöhnung aufzeigen. Ramírez, der als „Genosse Feliciano“ die Nachfolge des 1992 festgenommenen Abimael Guzmán angetreten hatte, zeigte sich bei der Anhörung im Juni 2003 selbstkritisch. Ein Jahr später wurde das Verfahren gegen ihn wiederaufgenommen und die Strafe auf 24 Jahre verringert. In dem Video erklärte er unter anderem:

„Zunächst möchte ich allen Menschen, die von den zwei Jahrzehnten politischer Gewalt, die das Land erschüttert haben, betroffen waren, mein tiefstes Beileid aussprechen. Und ganz besonders möchte ich den Menschen, die den Verlust geliebter Menschen erlitten haben, mein Beileid aussprechen.

Ich möchte Ihnen auch sagen, dass ich in den siebziger Jahren angesichts der Bedingungen des Elends, der Rückständigkeit, der Ungerechtigkeit und der Ausgrenzung, in denen die großen Massen lebten, wie viele andere Menschen die Entscheidung traf, diesen Zustand zu ändern. Es ging darum, eine neue Heimat und ein besseres Peru zu schaffen. Doch was passierte, war, dass wir eine falsche Ideologie annahmen: den schändlichen Gonzalo-Gedanken (Gonzalo war der Organisationsname von Abimael Guzmán), der uns dazu brachte, viele Fehler zu machen, und uns am Ende in eine Sackgasse führte. 

Aus diesen zwei Jahrzehnten müssen viele Lehren gezogen werden. Eine davon ist meines Erachtens, dass man Krieg am besten vermeidet. Wie ein Philosoph sagte: „Der Krieg ist ein Kampfmonster unter den Menschen“. Oft wird aus einem Mittel ein Ziel und obwohl in ihm manchmal heroische Taten zum Ausdruck kommen können, bringt er auch die extremsten Leidenschaften der Menschen zum Vorschein. Der Krieg entmenschlicht uns und baut eine Spirale von Hass und Rache auf, eine Dynamik, in der Hass mehr Hass und Rache mehr Rache erzeugt. Der durch den Krieg verursachte Impuls dieser Spirale ist schwer zu durchbrechen. Deshalb denke ich, dass es besser ist, Kriege zu vermeiden.

Ich möchte mit Ihnen auch über Demokratie sprechen. Nach vielen Überlegungen bin auch ich zu dem Schluss gekommen, dass die Demokratie trotz aller Probleme und Einschränkungen das beste System des Zusammenlebens der Menschen ist. Es ist besser als jeder Totalitarismus, weil Totalitarismus nur Intoleranz bringt und die Freiheit der Menschen erzwingt. Im 20. Jahrhundert haben wir große Lehren aus totalitären Systemen gezogen, die zu negativen Situationen für die Menschheit geführt haben. Ich glaube, dass wir aus dieser Erfahrung das Positive für die Zukunft ziehen müssen, aber meiner Meinung nach ist die Demokratie in jedem Fall besser als jede totalitäre Diktatur.

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um den Staat, die Gesellschaft und Sie alle dazu aufzurufen, dass Rücksicht genommen und Verständnis für alle politischen Gefangenen gezeigt wird. Eine demokratische Gesellschaft muss ihre politische, moralische und rechtliche Überlegenheit zum Ausdruck bringen, indem sie politischen und generell Gefangenen die Möglichkeit gibt, sich zu rehabilitieren und wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Lebenslange Haft oder Strafen von 30 bis 35 Jahren wie bei uns begraben praktisch alle politischen Gefangenen bei lebendigem Leib. Das kann nicht gut sein, weil es die Spirale von Rache und Hass fortsetzt, die wir aus unserer Gesellschaft verbannen müssen (…).“

Die vollständige Aussage von Óscar Ramírez Durán findet sich hier.