Zeitzeugenaussagen aus Argentinien

Die Mütter mit den weißen Kopftüchern wurden weltweit zum Symbol für die argentinische Menschenrechtsbewegung. Bis heute treffen sie sich jeden Donnerstag auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires, um schweigend auf das Schicksal ihrer verschwundenen Kinder aufmerksam zu machen. Was sie und andere erlebt haben, haben Menschenrechtsorganisationen in fast 1.000 Videointerviews mit Opfern und Angehörigen dokumentiert und für Forscher zugänglich gemacht.

Credit: Espacio Memoria y Derechos Humanos / CC BY-SA 3.0

"Einige der schlimmsten Stunden meines Lebens"

Hell fällt das Sonnenlicht in die ehemalige Zelle der Polizeistation von Rosario in der Provinz Santa Fe. Ende der 1970er Jahre befand sich hier ein illegales Gefangenenlager. Angehörige der Opfer haben daraus 2002 eine Gedenkstätte gemacht. Patricia Isasa beschreibt, wie sie 1976 als Organisatorin einer Studentengewerkschaft in Santa Fe von Sicherheitskräften entführt und zweieinhalb Jahre lang in einem solchen Geheimgefängnis festgehalten wurde.

“Am Tag des 30. Juli 1976 war ich erst 16 Jahre alt. Um 12:30 Uhr stürmten vereinte Kräfte der argentinischen Armee, der argentinischen Bundespolizei, der Provinzpolizei von Santa Fe und zivile Mitarbeiter des Staatlichen Geheimdienstes (S.I.D.E.) in mein Haus in der Moreno Straße 27141, Wohnung 3, in der Stadt Santa Fe.

Ohne Durchsuchungsbefehl und in einer bedrohlichen Art und Weise verhafteten sie mich und bemächtigten sich der Wohnung, die ich mit meinen Eltern teilte. Sie durchsuchten das gesamte Haus. Sie stahlen persönliche Gegenstände wie die Werkzeuge meines Vaters, die Kleidung meiner Mutter und private Bücher (neben anderen Dingen), allgemein bekannt als "Beute". Und sie beendeten ihre Durchsuchung mit einem "Negativ"-Ergebnis. Ich wurde brutal in den Armeewagen geworfen, die Hände hinter dem Rücken gefesselt. (...)

Wir fahren durch die Garage, sie holen mich mit Schlägen aus dem Auto. Nach etwa 20 Metern werfen sie mich in eine ekelhafte Zelle: Sechs Quadratmeter mit einer Bank als Bett und als Sitz, verschlossen durch eine schwere, grüne, gepanzerte Tür mit einem winzigen Guckloch. Die Wände haben eine gelbliche Farbe und sind mit schrecklichen Eingravierungen versehen. Ich erinnere mich an eine, die ich erst Tage später vollständig verstand: "Mein Gott, bitte lass sie mich nicht noch mehr foltern."

Auch ohne zu wissen, wo ich war, wusste ich bereits, warum ich dort war.

In der nächsten Nacht öffnet sich die Tür der Zelle. Ein uniformierter Beamter, die Kapuze in der Hand, fordert mich auf: "Los geht's." Nachdem er mir die Kapuze aufgesetzt hat, bringt er mich in einen Raum auf der Station, wo sie mich foltern.

Obwohl ich sie nicht sehen konnte, erinnere ich mich an ihre Stimmen, ihre Worte, ihre Laster. Sie befehlen mir, mich auszuziehen, sie befestigen meine Füße und Hände an einem metallenen Bettgestell. Nackt, mit Kapuze, erst 16 Jahre alt, allein mit einem unbekannten Kommissar und in den Händen eines erbärmlichen Missbrauchers, vergingen einige der schlimmsten Stunden meines Lebens.

Sie erstickten mich mehrere Male (was sie das "trockene U-Boot" nennen), warfen Beleidigungen und ein paar Fragen über meine Teilnahme am Studentenzentrum ein.

Das Duo und der Horror wuchsen und wuchsen, und sie beschlossen, mir Elektroschocks zu verabreichen. Die Stöße taten weh, sie brannten tief in der Haut, sie schockten mich, sie beugten und streckten mich, und sie begannen, mich zu schlagen. Ich wünschte, sie würden schnell aufhören, ich glaube, ich konnte nicht mehr, und meine Ohnmacht war meine Flucht aus diesem Hexensabbat.

Langsam wache ich auf, als zwei oder drei Leute den Raum betreten, sie tragen mich zu zweit in die Zelle, öffnen die schwere Tür und werfen mich hinein, geschlagen und zerrissen. Ich glaube, ich schlief. Als ich am nächsten Tag erwachte, wusste ich, dass ich nicht mehr derselbe Teenager war wie vorher, ich wusste, dass sich mein Leben für immer verändert hatte.

Ich schwor mir, dass diese Gräueltat bekannt gemacht und verurteilt werden muss, damit sie sich nie wiederholen kann.”

Quelle: Website von Patricia Isasa (englisch)

Links

Zeitzeugenvideos im Menschenrechtsarchiv Memoria Abierta

Dokumentarfilm über das Centro Popular de la Memoria in Rosario (spanisch)

Übersicht der Stadt Rosario über die örtlichen Gedenkstätten (spanisch)

Website des Museums der Erinnerung in Rosario (spanisch)

Dokumentarfilm über den ersten Prozess gegen Militärverantwortliche in Rosario (spanisch)

 

Nach der Diktatur. Instrumente der Aufarbeitung autoritärer Systeme im internationalen Vergleich

Ein Projekt am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg

Twitter: @afterdictatorship
Instagram: After the dictatorship

Mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

„Das Ziel war unsere Zerstörung“

Fast 90 Jahre alt ist das Gefängnis von Coronda rund 400 Kilometer nördlich von Buenos Aires. Während der Militärdiktatur diente die Haftanstalt bei Santa Fe als Zentrum für „legale“ Inhaftierungen. Zu den Gefangenen gehörte auch der 22-jährige Student Sergio Ferrari. Vierzig Jahre später trat er im Prozess gegen die Gefängniskommandanten als Zeuge auf eine späte Genugtuung, für die er und andere Inhaftierte lange gekämpft hatten.

Die Haftanstalt in Coronda war während der Militärherrschaft das einzige Gefängnis, das der Nationalen Gendarmerie unterstand. Sie ist für knapp 1.500 Gefangene ausgelegt. Die Militärs hielten hier Regierungsvertreter, Gewerkschaftsführer, Anwälte, Priester sowie militante Kommunisten und Peronisten gefangen. In zwei nahegelegenen Polizeistationen wurden viele von ihnen gefoltert. Wochenlang brachten sie dort in Handschellen und mit einer Kapuze über dem Kopf zu, um ihre Peiniger nicht erkennen zu können.

Sergio Ferrari verbrachte insgesamt 33 Monate in Coronda. Aufgrund internationaler Proteste kam er 1978 frei. Zusammen mit seinem ebenfalls inhaftierten Bruder erhielt er anschließend Asyl in der Schweiz. Vierzig Jahre später flog Ferrari nach Argentinien, um als Zeuge im Prozess gegen zwei der Gefängniskommandanten auszusagen. Wegen schwerer Folter an 39 Inhaftierten und des Todes zweier Gefangener wurden sie 2018 zu 22 und 17 Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Aufgrund ihres Gesundheitszustandes mussten sie allerdings nicht ins Gefängnis, sondern durften die Strafe im Hausarrest verbüßen. 

In einem Interview mit dem Schweizer Online-Magazin Journal B erinnert sich Ferrari an seine Haft und den Kampf um die Bestrafung der Verantwortlichen.

„Mit 22 Jahren wurde ich inhaftiert, ich war also noch sehr jung, fühlte mich aber schon erwachsen. Die Vielzahl an Bildern und Erinnerungen aus dieser Zeit sind für mich auch heute noch sehr präsent und lebhaft. Natürlich erinnere ich mich nicht an alles, etwa an die Namen aller Mitinsassen aus demselben Zellenblock. Als ich in die Schweiz kam, nahm ich mir zwei Wochen Zeit, um in einem detaillierten Bericht für Amnesty International  meine Erinnerungen niederzuschreiben. Dieser Bericht hat mir sehr geholfen, mich auf meine Aussage im Prozess vorzubereiten. An die Situation im Gefängnis, an die Trauer, die Verzweiflung und den Widerstand erinnere ich mich aber noch sehr lebhaft. (…)

In Coronda herrschte ein brutales Regime, das durchgehend auf die körperliche, psychische, ideologische, spirituelle und moralische Zerstörung der Insassen ausgerichtet war. Etwa einen Monat bevor ich aus dem Gefängnis entlassen wurde, sagte mir einer der Direktoren, Kommandant Kushidonsi: ‚Sie werden hier nie rauskommen. Und wenn doch, dann tot oder verrückt.‘ Möglich ist auch, dass ein großes Massaker an den Gefangenen geplant war, soweit kam es aber schlussendlich nicht. Die Absicht war aber ganz klar: Es galt zu verhindern, dass wir jemals wieder in unser Leben zurückkehrten oder unsere politische Militanz fortführen konnten. Wir alle galten damals als politische Feinde und das Ziel war unsere Zerstörung.“

Zum Interview mit Sergio Ferrari geht es hier.