Erinnerungsorte in der Ukraine

Mit zahlreichen Denkmälern wird in der Ukraine der Opfer von Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus gedacht - wie hier in Pjatychatky am Stadtrand von Charkiw. Auf dem Friedhof für die Opfer des Totalitarismus fanden Tausende Menschen, die die sowjetische Geheimpolizei erschossen und in einem Wald verscharrt hatte, ihre letzte Ruhestätte. Auch an die Toten der deutschen Besatzung und der großen Hungersnot ("Holodomor") wird vielerorts erinnert. 

Credit: Бандурист / CC BY-SA 3.0

Holodomor-Museum Kiew

Wie eine brennende Kerze erhebt sich in Kiew die Gedenkstätte für die Opfer der ukrainischen Hungersnot in den Jahren 1932/33. Der 30 Meter hohe Glockenturm, der in einer goldenen Flamme endet, wurde 2008 eingeweiht. Ein Jahr später öffnete darunter ein Museum. Es erklärt nicht nur, wie auf Befehl der sowjetischen Führung in der Ukraine der Tod von mindestens 3,5 Millionen Menschen herbeigeführt wurde. Die Erinnerung an den jahrzehntelang verschwiegenen Holodomor dient auch dazu, das ukrainische Nationalbewusstsein stärken.

Über die schwere Hungersnot in den frühen 1930-er Jahren durfte in der Ukraine erst nach der Unabhängigkeit des Landes geforscht und geschrieben werden. Nach der erzwungenen Kollektivierung der Landwirtschaft hatte der sowjetische Diktator Josef Stalin trotz großer Ernteausfälle die Abgabenquote für die Bauern massiv anheben lassen. Da er das gewaltsam requirierte Getreide größtenteils exportieren ließ und zugleich jede humanitäre Hilfe aus dem Ausland ablehnte, gehen Historiker davon aus, dass er das Massensterben bewusst verursachte, um den Widerstand gegen die Sowjetisierung zu brechen. Der Holodomor – eine Kombination aus den Worten „holod“ (Hunger) und „mor“ (Tod, Massensterben) – gilt in der Ukraine deshalb als Völkermord.

Das "Nationalmuseum des Holodomor-Genozids" wurde auf Beschluss des ukrainischen Ministerrates geschaffen. Es besteht aus einer Gedenkanlage und einem Ausstellungsraum. Den Eingang zu der Anlage flankieren zwei Engelsstatuen. Auf halbem Weg zur Erinnerungsstätte liegen 24 kreisförmig angeordnete Mühlsteine, die daran erinnern sollen, dass in der Ukraine täglich bis zu 24.000 Menschen verhungerten. In der Mitte ist die Statue eines unterernährten Mädchens zu sehen, das eine Handvoll Weizenähren umklammert; das Denkmal ist den an Hunger gestorbenen Kindern gewidmet. Die schwarze Pflasterung des Weges soll die fruchtbare Muttererde der Ukraine symbolisieren.

Die Dauerausstellung befindet sich unter dem Glockenturm in einer kreisförmigen "Halle der Erinnerung". An den weißen Wänden wird ein 20-minütiger Film gezeigt. Davor stehen verschiedene Objekte aus der Landwirtschaft und dem bäuerlichen Alltag. In der Mitte sind schwarze Tafeln zu sehen, auf denen die Namen von 14.000 Dörfern und Städten eingraviert sind, die unter der Hungersnot besonders gelitten haben.

In einem "Nationalen Gedächtnisbuch" können die Besucher nach Hungeropfern recherchieren oder Hinweise auf Opfer in der eigenen Familie geben. Am Holodomor-Gedenktag, der landesweit am vierten Samstag im November begangen wird, werden in dem Museum Kerzen angezündet. Die Ausstellung kann mittels einer 3D-Animation auch im Internet besichtigt werden. Obwohl es darin um mehrere Hungersnöte in der Ukraine geht, wurde das Wort "Holodomor" im Namen des Museums nachträglich vom Plural in den Singular gesetzt, um die Singularität des Hunger-Genozids von 1932/33 zu betonen.

Das Museum, das dem Kulturministerium untersteht, befasst sich auch mit der Erforschung des Holodomors und der Sicherung von Dokumenten und Zeitzeugenaussagen. Laut seiner Website ist es seine Hauptaufgabe, "die Gesellschaft vor einer Wiederholung des Völkermordes zu warnen, indem es Wissen über den Holodomor sammelt und verbreitet." Es schaffe ein "Bewusstsein für die Notwendigkeit, den ukrainischen Staat als eine der wichtigsten Verteidigungsmaßnahmen gegen Völkermord zu erhalten." Eine bedeutende Aufgabe sei es, "an die ukrainische Identität zu erinnern, die durch die sowjetische Identität ersetzt werden sollte."

Links

Website des Nationalmuseum zum Holodomor-Genozid (englisch)

Virtueller Rundgang durch das Holodomor-Museum (ukrainisch)

Der Historiker Gerhard Simon über die Kennzeichnung des Holodomors als Völkermord

Der Historiker Ernst Lüdemann über die Behandlung des Holodomors in deutschen Schulbüchern 

 

Nach der Diktatur. Instrumente der Aufarbeitung autoritärer Systeme im internationalen Vergleich

Ein Projekt am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg

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Mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Die Gräber von Bykiwnja

Wie Menschen, die zum Flug ansetzen, sehen diese Kreuze in einem Wald bei Kiew aus. Sie erinnern an die Toten, die hier zu Zeiten der Sowjetunion verscharrt wurden. Bis zu 130.000 Menschen sollen hier bestattet sein. Sie wurden ausnahmslos von der Geheimpolizei NKWD ermordet. Bekannt wurde das Massengrab bereits 1941, als die Wehrmacht in die UdSSR einmarschierte. Doch nach Kriegsende senkte sich der Mantel des Schweigens über den Ort. Erst nach der Unabhängigkeit der Ukraine wurde der Toten gedacht.

Spätestens ab 1930 erschoss die sowjetische Geheimpolizei in verschiedenen Kiewer Gefängnissen Tausende Menschen. Als der Platz für ihre Bestattung in der ukrainischen Hauptstadt knapp wurde, erhielt das Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten (NKWD) 1937 im nahe gelegenen Dorf Bykiwnia ein Gelände "für besondere Zwecke" zugeteilt. Mit Lastwagen wurden die Leichen nachts hierhin transportiert und in anonymen Massengräbern verscharrt. Ein zweieinhalb Meter hoher, mit Stacheldraht bekrönter Holzzaun umgab das über 15.000 Quadratmeter große Gelände; bewaffnete Posten hielten davor Wache.

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion entdeckten die deutschen Besatzer im September 1941 die Massengräber. Bei Ausgrabungen fanden sie menschliche Körper in einer Tiefe von einem halben Meter. Viele Gräber waren noch frisch, da der NKWD wegen der sich nähernden Front noch zahlreiche Häftlinge erschossen hatte. Der Bürgermeister des Dorfes bemühte sich damals darum, an dem Ort eine Gedenkstätte zu errichten. Nach der Rückeroberung des Gebietes durch die Sowjetunion 1943 wurde er deshalb verhaftet. Unter Folter musste er gestehen, dass er die Hinrichtungen aus der Vorkriegszeit nur erfunden hätte. Anschließend wurde er zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Während der Tauwetterperiode in der Sowjetunion entdeckte eine Gruppe junger Dissidenten um den Dichter Vasyl Symonenko die mit Bäumen bepflanzten Massengräber. Vergeblich wandten sie sich 1962 mit einem Memorandum an den Kiewer Stadtrat. Milizangehörige schlugen Symonenko ein Jahr später brutal zusammen, so dass er an Nierenversagen starb.

Wegen der Nachfragen aus der Bevölkerung wurden mehrfach Regierungskommissionen eingesetzt, die die Herkunft der Toten untersuchen sollten. Sie alle kamen zum Ergebnis, dass es sich um Opfer der Nationalsozialisten handeln würde. Erst im April 1989 stellte die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft fest, dass die Toten Opfer der stalinistischen Repressionen in den 1930-er Jahren waren.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden weitere Untersuchungen durchgeführt. Polnische und ukrainische Archäologen fanden insgesamt 210 Massengräber. Bei den Ausgrabungen stießen sie auch auf die sterblichen Überreste von über 3000 polnischen Offizieren, die nach dem Einmarsch der Roten Armee in Ostpolen gefangen genommen und im Frühjahr 1940 bei Katyn hingerichtet worden waren. Darüber hinaus sollen hier 300 erschossene italienische Soldaten ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Auf dem Gelände befinden sich zudem die Leichen von mehreren Tausend Rotarmisten, die beim Einmarsch der Wehrmacht desertiert und deshalb vom NKWD hier erschossen worden waren. Laut ukrainischem Geheimdienst belegen Unterlagen die Bestattung von 14.191 namentlich genannten Hinrichtungsopfern, darunter 1199 NKWD-Mitarbeiter.

1994 wurde auf dem Gelände ein erstes Denkmal für die Opfer des Kommunismus eingeweiht. Sieben Jahre später erklärte die ukrainische Regierung unter Ministerpräsident Viktor Juschtschenko das Areal zum Gedenkort. Als erster ukrainischer Präsident nahm Juschtschenko 2006 auch an der jährlichen Gedenkveranstaltung teil. In der Folgezeit wurden noch weitere Denkmäler errichtet. So eröffneten der ukrainischen Präsident Wiktor Janukowytsch und sein polnischer Amtskollege Bronisław Komorowski 2012 eine eigene Gedenkstätte für die polnischen Opfer.

Holocaust-Gedenkstätte Babyn Jar

50 Jahre hat es gedauert, bis der Opfer einer der größten Massenexekutionen während des Zweiten Weltkrieges gedacht wurde. Seit 1991 erinnert ein siebenarmiger Leuchter an die Erschießung von über 30.000 Juden am Rande von Kiew. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht waren sie 1941 in der Schlucht Babyn Jar innerhalb von 36 Stunden getötet worden. Weitere 25 Jahre vergingen, bis die Ukraine beschloss, hier ein Museum zu errichten. Doch seit dem russischen Einmarsch ist dessen Zukunft ungewiss.

Als die 6. Armee der Wehrmacht am 19. September 1941 in Kiew einmarschierte, lebten hier noch etwa 50.000 Juden – meist Ältere, Frauen und Kinder, weil die Männer in der Roten Armee dienten. Gut eine Woche später fand eine Besprechung statt, bei der führende Offiziere von Wehrmacht und SS beschlossen, sie umzubringen. Um Panik zu vermeiden, sollte der geplante Massenmord als Evakuierung getarnt werden.

Auslöser des Beschlusses waren Sabotageaktionen des sowjetischen Geheimdienstes NKWD. Nur kurz nach dem deutschen Einmarsch hatte dieser an zentralen Orten der Stadt zahlreiche Bomben gezündet. In der Folge waren fast 1000 Gebäude niedergebrannt und mehrere hundert deutsche Soldaten getötet worden. Als ein jüdischer Mann dabei gefasst wurde, wie er einen Löschwasserschlauch durchschnitt, nahm man dies zum Anlass, die Kiewer Juden kollektiv für die Explosionen verantwortlich zu machen.

Am 28. September gaben die deutschen Besatzer bekannt, dass sich alle Juden aus Kiew und Umgebung am folgenden Tag mit Dokumenten, Wertsachen und warmer Kleidung in der Nähe des Güterbahnhofs einfinden müssten. Wer die Anordnung nicht befolge, werde erschossen. Bewacht von Einheiten der SS, des SD und ukrainischer Polizei wurden die Erschienenen in Hunderter-Gruppen zum jüdischen Friedhof in der Nähe der Schlucht Babyn Jar ("Weiberschlucht") gebracht.

Am Rande der Schlucht mussten die Menschen alle Gegenstände abgeben und sich vollständig entkleiden. Mit Tritten und Schlägen trieben ukrainische Hilfspolizisten sie dabei an. Anschließend wurden sie in Zehner-Gruppen nackt in die Schlucht geführt, wo sie sich hinlegen mussten und von Angehörigen der SS und der deutschen Ordnungspolizei erschossen wurden. Laut Augenzeugenberichten lagen die Leichen in drei 60 Meter breiten Reihen in mehreren Schichten übereinander. Da bedeutend mehr Menschen erschienen waren als erwartet, zogen sich die Erschießungen bis zum 30. September hin. Die SS-Einsatzgruppe C, deren Standartenführer Paul Blobel die Exekutionen leitete, vermeldete wenig später, dass 33.771 Juden einer "Sonderbehandlung" unterzogen worden seien.

Die Massenexekution war nicht die einzige in Babyn Jar. Bereits am 27. September waren hier 752 Patienten einer nahe gelegenen psychiatrischen Klinik erschossen worden. Weitere Hinrichtungen von Juden fanden Anfang Oktober statt. Im Januar 1942 wurden rund 100 sowjetische Kriegsgefangene erschossen, im Februar und März 621 Mitglieder der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Auch mehrere ukrainische Schriftsteller gehören zu den Opfern. Zudem wurden die Bewohner von fünf Roma-Lagern in der Schlucht exekutiert. Schätzungen zufolge wurden in Babyn Jar zwischen 70.000 und 200.000 Menschen getötet. Da die Hinrichtungsopfer nicht namentlich registriert wurden, ist bislang nur ein Bruchteil von ihnen bekannt.

Wegen des Herannahens der russischen Front versuchten die Nationalsozialisten im August 1943, die Spuren des Massenmordes zu beseitigen. 327 Insassen des nahe gelegenen Konzentrationsslager Syrez wurden gezwungen, die Leichen zu „enterden“. Mit Eisenhaken mussten sie sie aus den Massengräbern heben und auf benzingetränkte Eisenbahnschwellen legen, wo sie verbrannt wurden. Übriggebliebene Knochen mussten sie mit einer Mühle zerkleinern und verstreuen; Zahngold und versteckte Ringe sollten sie heraussuchen und abliefern. Anschließend wurden die meisten von ihnen selbst erschossen.

In der Sowjetunion wurde das Massaker an den Kiewer Juden weitgehend verschwiegen. Im 1944 von der KPdSU veröffentlichten Untersuchungsbericht wurde das Wort "Juden" durch "friedliche Sowjetbürger" ersetzt. Ab Mitte der 1950er Jahre wurde die Schlucht teilweise zugeschüttet und bebaut. 1961 zerbrach ein Staudamm, so dass sich das Relief weiter veränderte. Mitte der 1960er Jahre wurde der jüdische Friedhof eingeebnet, um einen Fernsehturm zu errichten.

Erst 1966 stellten die Behörden zum Gedenken einen Granitobelisk auf. Zehn Jahre später wurde er durch ein Bronzedenkmal ersetzt, das den Titel trug: "Denkmal für sowjetische Bürger und kriegsgefangene Soldaten und Offiziere der sowjetischen Armee, erschossen von den deutschen Besatzern in Babi Jar". An die Massenexekution der Kiewer Juden wird erst seit 1991 erinnert, als der siebenarmige Leuchter (Menorah) und eine "Straße der Trauer" errichtet wurden. 1992 kam ein Denkmal für die erschossenen OUN-Mitglieder hinzu, im Jahr 2000 ein Kreuz für hingerichtete orthodoxe Priester und 2001 ein Denkmal für die getöteten Kinder. Weitere Denkmale erinnern inzwischen an ukrainische Zwangsarbeiter, an deutsche Kriegsgefangene, an die erschossenen psychisch Kranken und an die hingerichteten Roma.

Auf Initiative des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko wurde 2016 die Einrichtung eines Holocaust-Gedenkzentrums in Babyn Jar beschlossen. Geplant sind ein modernes Museum, eine Installation mit den Namen der Opfer, ein Gedenkraum sowie ein Forschungs- und Bildungszentrum mit Bibliothek, Archiv und Sammlung. Die Eröffnung des international angelegten Komplexes ist für 2025/26 vorgesehen doch ob es dazu kommt, ist seit der russischen Invasion in die Ukraine fraglich. Im März 2022 wurde bei einem Raketenangriff auf den Fernsehturm ein Gebäude getroffen, das Teil der Gedenkstätte werden sollte.