Ukraine - Das Land

Kaum ein anderes Land hat so sehr unter Krieg und Totalitarismus gelitten wie die Ukraine. Vor allem die Aufarbeitung der 70-jährigen Sowjetdiktatur kam lange Zeit nur schleppend voran. Seit dem Einmarsch russischer Truppen im Februar 2022 sieht sich die Ukraine mit neuen Massenverbrechen konfrontiert - zum Beispiel mit Raketenangriffen auf zivile Ziele wie hier in Tschernihiw.

 

Aufarbeitung unter Kriegsbedingungen

Mit gut 600.000 Quadratkilometern ist die Ukraine der größte Staat des europäischen Kontinents. Vor dem russischen Einmarsch lebten hier mehr als 40 Millionen Menschen. Weitere drei Millionen Ukrainer wohnten in Russland. 2001 bezeichneten knapp 30 Prozent der Einwohner Russisch als ihre Muttersprache, fast alle anderen Ukrainisch. Drei Viertel betrachteten sich als christlich-orthodox. Der Landesname bedeutete ursprünglich nur „Grenzgebiet“, weil östlich von hier die Steppe begann. Die Flagge soll für die vielen Kornfelder und den blauen Himmel stehen.

Die Wiege Russlands liegt eigentlich in der Ukraine. Denn im 9. Jahrhundert entstand dort das erste ostslawische Großreich, die Kiewer Rus. Es zerfiel jedoch wieder, so dass 1240 die Mongolen Kiew eroberten. Seit dem 14. Jahrhundert herrschten dann Litauen und Polen über weite Teile des Landes, während im Süden die Nachkommen der Mongolen das Krim-Khanat errichteten.

Ukrainische Kosaken Reiterverbände aus entlaufenen Leibeigenen lehnten sich wiederholt gegen gegen die polnische Herrschaft auf. 1648 gründeten sie erstmals einen eigenen Staat (Hetmanat). Auf der Suche nach Unterstützung unterstellten sie sich jedoch 1654 dem Zaren, woraufhin die Gebiete östlich des Flusses Dnepr zu einem Teil Russlands wurden. Im Zuge der Teilungen Polens erhielt das russische Kaiserreich Ende des 18. Jahrhunderts weitere Territorien, während die West-Ukraine Teil der Habsburg-Monarchie wurde. Die Spaltung der Ukraine in einen russlandorientierten östlichen und einen europaorientierten westlichen Teil wirkt bis heute fort.

Der Zerfall des Habsburgerreiches im Ersten Weltkrieg führte 1917 erneut zur Gründung eines ukrainischen Staates. Er war jedoch von noch kürzerer Dauer, weil die Rote Armee das Gebiet nach mehrfach wechselnder Besetzung annektierte. Als „Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik“ wurde es 1922 Teil der Sowjetunion.

Während die Bolschewiki die ukrainische Nationalbewegung anfangs förderten, ließ Josef Stalin ab Ende der 1920er Jahre einen Großteil ihrer Elite ermorden. Auch die bäuerliche Landbevölkerung wurde in Kollektive gezwungen, deportiert oder erschossen. Dies und die Erhöhung des Abgabensolls für Getreide um fast 50 Prozent führten 1931/32 zu einer schweren Hungersnot in der Ukraine. Dem sogenannten Holodomor fielen mindestens 3,5 Millionen Menschen zum Opfer. Im Zuge des "Großen Terrors" kam es zwischen 1936 und 1938 erneut zu Massenverhaftungen und -erschießungen. Mindestens 265.000 Menschen waren davon betroffen, unter ihnen auch viele Parteifunktionäre. So überlebten von den 200 Mitgliedern des ukrainischen Zentralkomitees lediglich drei.

Als die deutsche Wehrmacht 1941 in die Sowjetunion einmarschierte, wurde sie in der Ukraine deshalb zunächst vielfach als Befreier begrüßt. Dazu trug bei, dass die sowjetische Geheimpolizei vor ihrem Abzug noch Tausende ukrainische Gefangene erschoss. Allerdings wollten auch die Nationalsozialisten keinen unabhängigen ukrainischen Nationalstaat und verhafteten nach wenigen Wochen den Anführer der „Organisation Ukrainischer Nationalisten“ (OUN), Stepan Bandera.

Während des Zweiten Weltkrieges kamen über acht Millionen Ukrainer ums Leben, mehrheitlich Zivilisten. Rund 1,6 Millionen Juden ließen die Nationalsozialisten gezielt ermorden. Zudem wurden über 2,4 Millionen Ukrainer als „Ostarbeiter“ nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppt. An den Massakern an Juden und Polen waren auch die Milizen der OUN und die für Unabhängigkeit kämpfende Ukrainische Aufständischen-Armee (UPA) beteiligt.

Nach Kriegsende setzte Stalin durch, dass die Grenze der Sowjetunion nach Westen verschoben wurde. Die wieder hergestellte Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik erhielt dazu Teile Polens, Rumäniens und der Tschechoslowakei. 1954 sprach die sowjetische Führung der Ukraine auch die im 18. Jahrhundert von Russland annektierte Krim zu.

Wie viele andere Unionsrepubliken erklärte die Ukraine 1991 ihre Unabhängigkeit, was gut 90 Prozent der Wahlberechtigten in einem Referendum bestätigten. Eine 1996 verabschiedete Verfassung erhob Ukrainisch zur Staatssprache, sah aber auch den Schutz nationaler Minderheiten vor. Während sich Russland zur Anerkennung der Grenzen und der staatlichen Souveränität der Ukraine verpflichtete, verzichtete diese auf über 2500 auf ihrem Territorium lagernde sowjetische Atomraketen.

Nach der Unabhängigkeit dominierten in der Ukraine zunächst die russlandfreundlichen Kader der Kommunistischen Partei. Wegen Wahlmanipulationen kam es 2004 in Kiew jedoch zu Massenprotesten. Die sogenannte Orangene Revolution benannt nach der von der Opposition verwendeten Farbe Orange führte dazu, dass deren Kandidat Wiktor Juschtschenko zum Präsidenten gewählt wurde. Dieser trieb erstmals auch die Aufarbeitung der kommunistischen Verbrechen voran. Die Zerstrittenheit der europaorientierten Kräfte bewirkte jedoch, dass der russlandfreundliche Wiktor Janukowytsch die nächste Präsidentenwahl für sich entschied. Als er Ende 2013 die Verhandlungen über ein Assoziierungsabkommen mit der EU für beendet erklärte, kam es jedoch erneut zu Massendemonstrationen, dem sogenannten Euromajdan. Auf dem Höhepunkt der Proteste tauchte Janukowytsch unter, so dass ihn das ukrainische Parlament im Februar 2014 seines Amtes enthob.

Unmittelbar darauf annektierte Russland die Krim. Separatisten, die im Osten des Landes die "Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk ausriefen, erhielten zudem massive militärische Unterstützung aus Russland. In der Folge kam es immer wieder zu Gefechten mit der ukrainischen Armee, denen bis 2021 über 13.000 Menschen zum Opfer fielen trotz eines in Minsk mehrfach vereinbarten Waffenstillstands. In den Separatistengebieten kam es zudem zu zahlreichen Entführungen, Folterungen und Exekutionen. Im Februar 2022 marschierten russische Truppen offiziell in die Ukraine ein. In den darauffolgenden drei Monaten fielen dem völkerrechtswidrigen Krieg mindestens 4000 Zivilisten zum Opfer (Stand: Juli 2022).

Ukraine

Fläche:603.700 km² (mit Krim)
Einwohner:41,8 Mio. (ohne Krim und Sewastopol, 2020)
Bevölkerungswachstum:- 0,6 % jährlich (2020, geschätzt)
Bevölkerungsdichte:77 Einwohner pro km²
Regierungssitz:Kiew
Amtssprache:Ukrainisch
Politisches System:Semipräsidentielle Republik
Staatsoberhaupt:Präsident Wolodymyr Selenskyj (seit 2019)
Regierungschef:

Ministerpräsident Denys Schmyhal (seit 2020)

Freiheitsstatus:62/100
BIP pro Kopf:13.196 USD (kaufkraftbereinigt, 2020)
Europa image/svg+xml Countries of Europe
Albanien
(Shqipëria)
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(Հայաստան)
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