Zeitzeugenaussagen aus Albanien

Das kommunistische Regime in Albanien unterschied zwischen Menschen mit "guter" und "schlechter" Biografie. Oft ließ es deshalb ganze Familien verhaften oder internieren. Um die Sicherung ihrer Erinnerung kümmern sich indes nur wenige. Vor allem das Institut für Studien über die kommunistischen Verbrechen und ihre Folgen (ISKK) hat zahlreiche Zeitzeugeninterviews durchgeführt.

„Mein erstes Gefängnis war eine Toilette“

Die katholische Paulus-Kathedrale in Tirana ist gerade einmal 20 Jahre alt. Denn in Albanien wurden während der kommunistischen Diktatur zahlreiche Kirchenbauten zerstört. Dabei soll der Apostel Paulus hier eine der ersten christlichen Gemeinden Europas gegründet haben. Wegen ihrer grenzüberschreitenden hierarchischen Strukturen wurde die katholische Kirche besonders verfolgt. Nur wenige Priester überlebten den albanischen Kommunismus. Einer von ihnen war Pater Anton Luli, der mehr als 40 Jahre in Haft war.

"Ich war gerade zum Priester geweiht worden, als in meinem Land Albanien die kommunistische Diktatur an die Macht kam, die die schärfste religiöse Verfolgung mit sich brachte. Einige meiner Glaubensbrüder wurden nach einem Prozess, der voller Lug und Trug war, hingerichtet und starben als Märtyrer für den Glauben. Indem sie durch ein Erschießungskommando hingerichtet wurden, feierten sie als gebrochenes Brot und Blut ihre letzte persönliche Eucharistie und starben als Märtyrer für ihren Glauben. Das war 1946.

Mich dagegen bat der Herr zu leben, indem er meine Arme öffnete und mich an ein Kreuz nageln ließ, um auf diese Weise das priesterliche Amt zu feiern, das mir verweigert wurde. Das Leben, das ich in Ketten und unter jeder Art von Folter verbrachte, war meine Eucharistie, mein priesterliches Opfer.

Ich wurde am 19. Dezember 1947 verhaftet mit dem Vorwurf der Aktion und Propaganda gegen die Regierung. Ich war 17 Jahre lang im Gefängnis und verbrachte viele weitere Jahre in Zwangsarbeit. Mein erstes Gefängnis war eine Toilette in einem Bergdorf in der Nähe von Skutari. Es war im Dezember und eiskalt. Ich blieb dort neun Monate lang, gezwungen, über verhärteten Fäkalien zu hocken und mich wegen des Platzmangels niemals hinlegen zu können.

Am Weihnachtsabend jenes Jahres (wie könnte ich das vergessen?) holten sie mich von dort weg und brachten mich in eine andere Toilette im zweiten Stock. Sie zwangen mich, mich auszuziehen und hängten mich an einer Schnur auf, die unter meinen Achselhöhlen durchlief. Ich war nackt und konnte den Boden nur mit den Zehenspitzen berühren. Ich spürte, wie mein Körper langsam und unerbittlich nachgab. Die Kälte stieg langsam von meinem Körper auf, und als sie kurz davor war, mein Herz zu erreichen, stieß ich einen verzweifelten Schrei aus.

Meine Kerkermeister kamen sofort, brachten mich zu Boden und traten mich am ganzen Körper.  In dieser Nacht, an diesem Ort und in der Einsamkeit meiner ersten Agonie, erlebte ich den wahren Sinn der Menschwerdung und des Kreuzes. Während meines ganzen Leidens fühlte ich in meiner Nähe und in mir die tröstliche Gegenwart unseres Herrn Jesus. Ich kann es nur 'außergewöhnlich' nennen, so groß waren die Freude und der Trost, die Er mir vermittelte.

Aber ich habe nie einen Groll gegen diejenigen empfunden, die mir – menschlich gesprochen – mein Leben geraubt haben. Nachdem ich eines Tages zufällig befreit wurde, traf ich einen meiner Peiniger auf der Straße. Ich empfand Mitleid und drückte es aus, indem ich auf ihn zuging und ihn umarmte.

Sie befreiten mich während der Amnestie von 1989. Ich war neunundsiebzig Jahre alt."  

Zum Bericht von Anton Luli geht es hier (englisch).

Links

Website des Instituts für Studien über die kommunistischen Verbrechen und ihre Folgen (englisch und albanisch)

Zeitzeugen-Dokumentation über verschiedene albanische Gefängnisse (englisch)

 

Nach der Diktatur. Instrumente der Aufarbeitung autoritärer Systeme im internationalen Vergleich

Ein Projekt am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg

Twitter: @afterdictatorship
Instagram: After the dictatorship

Mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

"Alle Künstler waren zu Spitzeln geworden"

Zu modern statt sozialistisch-realistisch – so lautete das Urteil über dieses Gebäude in Tirana. Entworfen hatte es 1972 der albanische Architekt Maks Velo. Ein Jahr später wurde er in ein Dorf verbannt und 1978 schließlich verhaftet. Wegen „Agitation und Propaganda“ verurteilte ihn ein Gericht zu zehn Jahren Haft und Zwangsarbeit im Lager Spaç. Bis zu seiner Freilassung 1986 hatte der albanische Staatssicherheitsdienst sechsmal vergeblich versucht, ihn anzuwerben. 2019 berichtete er über seine Verfolgung.

"Diese Welt war furchtbar, ein Albtraum! Ich versuchte zu widerstehen, und ich schaffte es, zu widerstehen. Mein Widerstand war nicht zu besiegen, denn ich wurde sechsmal aufgefordert, mit der Sigurimi zusammenzuarbeiten.  [...]

Ich war sieben Jahre, drei Monate und zehn Tage im Gefängnis, zusätzlich zu den Ermittlungen. Bei meiner Verhaftung wurden mir 246 Kunstwerke abgenommen, 246... – sie wurden alle verbrannt. Der Schaden ist irreparabel für einen Künstler, der eine tiefe Verbindung zu seinen Kunstwerken hat. Es ist so, als würde man ein Stück menschliches Leben aufgeben.       

Ich schickte eine Anfrage an die Behörde für Informationen über ehemalige Dokumente der Staatssicherheit. Es dauerte lange, bis sie mir etwa 120 Papiere übergaben: Alle geheimen Akten, Beziehungen, Gespräche mit der albanischen Liga der Schriftsteller und Künstler, die Verbindungen zwischen dem Innenministerium und der Künstlerliga. Und die vielen Denunziationen von Künstlern. Da waren Leute dabei, von denen ich mir das nicht vorstellen konnte. […] Alle Künstler, die vom Staat als ‚Künstler des Volkes‘ oder ‚Verdiente Künstler‘ ausgezeichnet worden waren, waren zu gewöhnlichen Spitzeln geworden. Auch von Nachbarn war ich denunziert worden. Die Akte enthielt alle Berichte, die sie 30 Jahre lang fortlaufend über mich geliefert hatten. Die Akte zeigte auch, wie die Sigurimi operierte, wie sie mich ganze Tage lang verfolgt hatte. Die ganze Geschichte war in der Akte enthalten. Wenn man sie liest, versteht man die Geschichte der Verfolgung der Menschen in der kommunistischen Zeit.

Meiner Meinung nach ist es ungerecht, dass all diese Spione der Strafe entgangen sind!"

Zum vollständigen Text geht es hier (englisch).