Zeitzeugenaussagen aus Ruanda

In der Völkermordgedenkstätte Gisozi erinnern Fotos von Opfern an den Massenmord im Frühjahr 1994. Hier, in der zentralen Erinnerungsstätte Ruandas, ist auch das nationale Genozidarchiv untergebracht. Seit 2010 sammelt es Fotografien, Gegenstände, Dokumente, Daten sowie Audio- und Videointerviews. Über einhundert Zeitzeugenberichte sind online zugänglich (auf Englisch). Erinnerungen in deutscher Sprache gibt es nur in Buchform (siehe Literatur).

Credit: Jenny Paul / CC BY-SA

„Wir waren wie gelähmt“

Janvier Munyaneza gehört zu den wenigen Menschen, die das Massaker in der Kirche von Ntarama überlebten. Der damals 14-jährige Hirtenjunge versteckte sich zwischen den Leichen der Erschlagenen und stellte sich tot. Auf der Website von Rwandan Stories berichtet er, wie die Hutu-Miliz "Interahamwe" gegen die Flüchtlinge in der Kirche vorging.

„Die Interahamwe streifte drei oder vier Tage durch den kleinen Wald rund um die Kirche. Eines Morgens rotteten sie sich alle hinter Soldaten und lokalen Polizisten zusammen. Dann rannten sie los und begannen, auf die Menschen im Innern und draußen einzuhacken. Diejenigen, die massakriert wurden, starben, ohne ein Wort zu sagen. Alles, was man hören konnte, war die Hektik der Angriffe. Wir waren wie gelähmt inmitten der Macheten und der Schreie der Angreifer. Schon vor dem tödlichen Schlag waren wir fast tot.

Meine erste Schwester bat eine Hutu aus unserer Bekanntschaft, sie ohne Leiden zu töten. Er sagte ja und zerrte sie am Arm hinaus auf das Gras, wo er sie mit einem einzigen Schlag seines Schlägers erschlug. Eine Nachbarin von uns, genannt Hakizma, schrie hingegen, dass sie schwanger sei. Er schlitzte ihr daraufhin mit seinem Messer in einer einzigen Schnittbewegung den Bauch auf wie einen Beutel. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen.

Ich schlich mich zwischen den Leichen heraus. Leider schaffte es ein Junge, mich mit seiner Metallstange zu erreichen. Ich fiel auf die Körper, bewegte mich nicht mehr und stellte mich tot. Irgendwann wurde ich angehoben und durch die Luft geworfen und andere Leute fielen auf mich drauf. Als ich hörte, dass die Interahamwe-Führer zum Rückzug pfiffen, war ich völlig von Toten bedeckt.

Es war gegen Abend, als einige mutige Tutsis aus der Umgebung, die sich im Wald verstreut hatten, zurück zur Kirche kamen. Papa und mein großer Bruder haben uns aus dem Haufen herausgezogen, mich und meine sehr blutige jüngste Schwester, die wenig später in Cyugaro starb. In der Schule legten die Menschen Kleider von Heilkräutern auf die Verwundeten. Am Morgen fiel die Entscheidung, in den Sumpf zu flüchten. Das wiederholte sich jeden Tag, einen Monat lang."

Quelle: http://www.rwandanstories.org/genocide/ntarama_church.html#3 (Eigene Übersetzung)

Link

Zeitzeugenberichte auf der Website von Rwandan Stories (mit englischen Untertiteln)

 

Nach der Diktatur. Instrumente der Aufarbeitung autoritärer Systeme im internationalen Vergleich

Ein Projekt am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg

Twitter: @afterdictatorship
Instagram: After the dictatorship

Mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

 

„Ich sah, wie sie mit aller Macht töteten"

12 Jahre nach dem Massaker in der Kirche von Ntarama lagen dort immer noch menschliche Knochen, Kinderschuhe, Kämme, Schals und andere Gegenstände unter den Bänken vor dem Altar. Francine Niyitegeka, ein damals 25-jähriger Ladenbesitzer und Bauer, überlebte das Gemetzel. Er beschreibt, wie sich auch seine Nachbarn an dem Morden beteiligten.

"Die Interahamwe-Miliz begann am 10. April, auf unserem Hügel Tutsis zu jagen. An diesem Tag machten wir uns auf und verließen in einer Gruppe den Ort. Wir hatten vor, in der Kirche von Ntarama Zuflucht zu suchen, weil sich niemand vorstellen konnte, dass sie Familien in Kirchen töten würden.

Wir warteten dort fünf Tage lang. Nach und nach traf ein endloser Strom weiterer Bauern dort ein, so dass wir bald eine große Menschenmenge waren. Als der Angriff auf uns begann, gab es zu viel Chaos, um jede Einzelheit des Mordens wahrzunehmen. Aber ich erkannte die Gesichter vieler Nachbarn wieder und sah, wie sie mit aller Macht töteten. Sehr früh fühlte ich einen heftigen Schlag. Ich brach zwischen ein paar Bänken zusammen, um mich herum die reinste Hölle. Als ich wieder zu mir kam, musste ich mich erst einmal vergewissern, dass ich noch lebe.

Ich schlich zwischen den Leichen hindurch und flüchtete in den Wald. Unter den Bäumen stieß ich auf eine Gruppe weiterer Flüchtlinge und wir rannten den gesamten Weg bis zu den Sümpfen. Einen Monat sollte ich dort ausharren."

Quelle: http://www.rwandanstories.org/genocide/ntarama_church.html#2 (eigene Übersetzung)

„Wir töteten in Teams“

Nyamata heißt die Völkermordgedenkstätte im Süden Kigalis, wo die sterblichen Überreste von rund 50.000 Menschen begraben liegen. Der Massenmord, der meist mit Macheten oder Knüppeln ausgeführt wurde, ist schwer zu begreifen. Der französische Journalist Jean Hatzfeld hat deshalb nicht nur Opfer, sondern auch Täter befragt und die Interviews in mehreren Büchern veröffentlicht (siehe Literatur). Die Website von rwandanstories.org. dokumentiert Auszüge daraus. Ein Hutu berichtet dort, wie das Töten zur Routine wurde.

„Wir begannen den Tag mit Töten und wir beendeten den Tag mit Plünderungen. Es war die Regel rauszugehen, um zu töten und beim Nachhausegehen zu plündern.

Wir töteten in Teams, aber wir plünderten jeder für sich oder in kleinen Gruppen mit Freunden - außer bei Getränken und Kühen, die wir gerne teilten. Natürlich wurden mit den Organisatoren auch die Grundstücke diskutiert. Als Bezirksvorsteher hätte ich ein riesiges fruchtbares Grundstück bekommen, auf dem ich Landwirtschaft betreiben wollte, wenn alles vorbei ist.

Wenn jemand nicht plündern konnte, weil er verhindert war oder von dem, was er getan hatte, zu erschöpft war, konnte er auch seine Frau schicken. Viele Frauen durchsuchten damals die Häuser. Sie wagten sich sogar in die Sümpfe, um die Habseligkeiten der unglücklichen Frauen zu bekommen, die gerade getötet worden waren.

Die Menschen stahlen einfach alles und überall: Schüsseln, Kleidungsstücke, Krüge, religiöse Bilder, Hochzeitsbilder – aus Häusern, aus Schulen und von den Toten.“

Quelle: http://www.rwandanstories.org/genocide/this_new_job.html (eigene Übersetzung)