Kambodscha - das Land

Rund ein Viertel der kambodschanischen Bevölkerung fiel in den 1970er Jahren dem Regime der Roten Khmer zum Opfer. Unter ihrem Führer Pol Pot zwangen diese das Land in eine Art Steinzeitkommunismus. In fast jeder Familie hat das damalige Regime tiefe Spuren hinterlassen. Trotz internationaler Bemühungen um eine Aufarbeitung wurden jedoch nur drei Verantwortliche verurteilt. Inzwischen ist Kambodscha wieder ein autoritärer Einparteienstaat.

Das blutige Erbe der Roten Khmer

Kambodscha – offiziell: Königreich Kambodscha – ist ein buddhistisches Land in Südostasien. Rund 16 Millionen Einwohner leben hier auf einer Fläche von ca. 181.000 Quadratkilometern. Mehr als 96 Prozent von ihnen bekennen sich zum Theravada-Buddhismus.

Das Königreich Kambodscha ist über 1000 Jahre alt. Von seiner Blütezeit zwischen dem neunten und 15. Jahrhundert zeugen noch heute die weltbekannten Tempelruinen in Angkor, einst größte Stadt der Welt. Nach und nach eroberten die Nachbarstaaten Thailand und Vietnam jedoch große Teile des Khmer-Reiches. Im 19. Jahrhundert suchte Kambodscha deshalb Schutz bei Frankreich, das bis 1953 als Kolonialmacht fungierte.

Nach Erlangung der Unabhängigkeit regierte zunächst der von den Franzosen eingesetzte König Norodom Sihanouk. 1970 wurde dieser jedoch durch den von den USA unterstützten General Lon Nol gestürzt. Dem König wurde vorgeworfen, dass er der kommunistischen Guerilla in Vietnam nicht entgegentrat, deren Versorgungswege zum Teil über kambodschanisches Territorium verliefen („Ho-Chi-Minh-Pfad“). Sihanouk verbündete sich daraufhin mit den von China unterstützten Kommunisten. Es folgte ein mehrjähriger Bürgerkrieg, der mit dem Einmarsch der Roten Khmer in der Hauptstadt Phnom Penh 1975 endete. Sihanouk wurde Staatsoberhaupt im „Demokratischen Kampuchea“, wie sich das Land nun nannte. Nach einem Jahr wurde er abgesetzt und unter Hausarrest gestellt.

Unter Führung Pol Pots, einem ehemaligen Lehrer, errichteten die Roten Khmer ein Terrorregime, das 1,7 bis 2,2 Millionen Menschen das Leben kostete. Im Unterschied zu anderen marxistischen Parteien wollten sie den Kommunismus als egalitäre Agrargesellschaft verwirklichen. Der größte Teil der Stadtbewohner – das sogenannte „Neue Volk“ – wurde deshalb in wochenlangen Märschen aufs Land deportiert, wo sie bei minimaler Verpflegung Zwangsarbeit leisten mussten. Zehntausende Beamte, Mönche und Intellektuelle kamen als „Feinde der Revolution“ in eines von etwa 100 Todeslagern, wo sie gefoltert und hingerichtet wurden. Allein die Zahl der getöteten buddhistischen Mönche beläuft sich auf etwa 25.000. Verfolgt wurden aber auch alle fremden Nationalitäten, vor allem Vietnamesen, sowie nicht zuletzt Tausende eigene Funktionäre. Die Landbevölkerung – das sogenannte „Alte Volk“ – wurde vollständig enteignet, was zu einem drastischen Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion und zu einer schweren Hungersnot führte.

Die Roten Khmer zeichneten sich durch einen ideologischen Fanatismus aus, der selbst den Mao Tse-tungs und Stalins übertraf. So herrschte zum Beispiel das Gebot der „einheitlichen Kost“, weshalb der illegale Besitz selbst kleiner Mengen Reis als schweres Vergehen galt. Auch Streit in der Familie und das Bestrafen von Kindern waren verboten, ebenso das Sprechen während der Arbeit. Brillenträger mussten ihre Augengläser verstecken, weil sie sonst als „Intellektuelle“ verfolgt worden wären. Wer einer Anordnung widersprach, wurde des „Individualismus“ beschuldigt und oftmals erschlagen. Geld wurde abgeschafft, Schulen und Krankenhäuser wurden geschlossen, Hunderte Tempel zerstört. Die Kambodschaner mussten zudem eine schwarze Einheitskleidung tragen. Die kommunistische Partei, die sich nur noch „Angka“ (Organisation) nannte, agierte dabei unter strengster Geheimhaltung – einschließlich Pol Pots, der als „Bruder Nr. 1“ firmierte.

Im Dezember 1978 marschierten vietnamesische Truppen in Kambodscha ein – was heute offiziell als Befreiung bezeichnet wird. Sie eroberten Phnom Penh und installierten eine provietnamesische Regierung, die international nicht anerkannt wurde. Prinz Sihanouk floh nach China, wo er 1982 zum Exil-Präsidenten gemacht wurde. Die Roten Khmer zogen sich in das Grenzgebiet zu Thailand zurück und bekämpften von dort aus die neue Regierung.

In Phnom Penh regierte jetzt Heng Samrin, ein ehemaliger Roter Khmer, der sich nach Vietnam abgesetzt hatte. Starker Mann wurde jedoch bald sein Außenminster Hun Sen, der ebenfalls auf Seiten Pol Pots gekämpft hatte, dann aber zu den Vietnamesen übergelaufen war. 1985 wurde er Ministerpräsident – was er bis heute geblieben ist.

1989 zogen die vietnamesischen Truppen aus Kambodscha ab und Prinz Sihanouk kehrte nach Phnom Penh zurück. Unter Vermittlung der Vereinten Nationen kam es zur Unterzeichnung eines Waffenstillstandsvertrages aller Bürgerkriegsparteien und 1993 zu freien Wahlen. Sieger und Ministerpräsident wurde ein Sohn Sihanouks, der gemäß Verfassung erneut König wurde. Hun Sen, der seine Niederlage nicht akzeptieren wollte, ließ sich jedoch zum „zweiten Ministerpräsidenten“ ernennen. 1997 machte er sich durch einen Staatsstreich wieder zum alleinigen Machthaber.

In dieser Zeit begannen sich die Roten Khmer aufzulösen. Pol Pot wurde von seinen eigenen Leuten zu lebenslanger Haft verurteilt und starb 1998 im Hausarrest. Nach langen Verhandlungen mit den Vereinten Nationen beschloss das kambodschanische Parlament 2004, einen Strafgerichtshof für die noch lebenden Führungskader der Roten Khmer einzurichten. Aufgrund von Interventionen Hun Sens wurden jedoch lediglich drei Personen zu lebenslanger Haft verurteilt.

Während es in Kambodscha anfangs noch verschiedene Parteien und halbwegs freie Wahlen gab, ist das Land inzwischen ein autokratischer Einparteienstaat. Seit 2018 hält die Kambodschanische Volkspartei (Cambodian People's Party, CPP) sämtliche Sitze im Parlament besetzt. Aufgrund der Gleichschaltung von Politik und Gesellschaft und des hohen Ausmaßes an Korruption stuft die Organisation Freedom House das Land als unfrei ein.

Königreich Kambodscha

Fläche:181.035 km²
Einwohner:15,28 Mio. (2019)
Bevölkerungswachstum:1,2 % jährlich
Bevölkerungsdichte:86 Einwohner pro km²
Regierungssitz:Phnom Penh
Amtssprache:Khmer
Politisches System:Parlamentarische Wahlmonarchie
Staatsoberhaupt:König Norodom Sihamoni (seit 2004)
Regierungschef:Ministerpräsident Hun Sen (seit 1985)
Freiheitsstatus:25/100
BIP pro Kopf:4348 USD (kaufkraftbereinigt, 2018)
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