Analysen zu Kambodscha

Ausstellung in der Gedenkstätte Choeung Ek

Besucher studieren Dokumente in der Ausstellung der Gedenkstätte Choeung Ek. Weltweit hat der kambodschanische Autogenozid, wie Forscher den Massenmord der Roten Khmer auch nennen, Entsetzen ausgelöst. Doch in Deutschland und anderen Ländern gab es auch linksradikale Anhänger von Pol Pots Agrarkommunismus. Erst in den letzten 20 Jahren ist die Aufarbeitung der Vergangenheit in Kambodscha verstärkt Thema der Wissenschaft geworden.

Credit: Hubertus Knabe

Hoffen auf Gerechtigkeit

In Sträflingskluft steht der einstige Chef des Gefängnisses S-21, Kaing Guek Eav, vor dem Sondergericht in Kambodscha. Staatsanwälte, Richter und Verteidiger stammen aus aller Welt und erhalten über Kopfhörer eine Übersetzung. Lange ließ die Einrichtung der Außerordentlichen Kammern in den Gerichten Kambodschas, wie das Rote-Khmer-Tribunal offiziell hieß, auf sich warten. Als es 2006 endlich seine Arbeit aufnahm, war dies für viele Analysten ein Anlass zur Hoffnung. Heute wird es wegen seiner bescheidenen Ergebnisse skeptischer beurteilt.

Die Juristen Philippe Gréciano und Birte Kaspers haben 2009 den Beginn der strafrechtlichen Aufarbeitung des Pol-Pot-Regimes untersucht. Im ersten Teil ihres Aufsatzes „Aufarbeitung oder Versöhnung in Kambodscha?“ schildern sie den Aufstieg und Fall der Roten Khmer und die Rolle Kambodschas auf der internationalen Bühne. Dabei werden besonders die Reaktionen der Weltöffentlichkeit und die Rolle der Vereinten Nationen im Friedensprozess seit 1991 herausgearbeitet.

Im Weiteren wird die Entstehung und Arbeitsweise des Sondergerichtshofes analysiert, der als sogenanntes hybrides Gericht konstruiert wurde: Kambodschanische Richter haben darin eine Mehrheit, doch alle Entscheidungen müssen von mindestens einem ausländischen Richter mitgetragen werden. In ihrer Studie warnen die Autoren vor zu hohen Erwartungen an die Ergebnisse des Tribunals: „Dass die Aufarbeitung kein leichtes Unterfangen wird – und dies unterschätzen viele Nichtjuristen –, liegt u. a. an dem hohen Beweisaufwand, der erforderlich ist, um Taten zu individualisieren und persönlich zurechnen zu können, die vor rund dreißig Jahren – ohne ausführliche Dokumentation – begangen wurden. Die Prozessbeobachter werden schmerzhaft feststellen, wie mühevoll und kleinteilig, dabei auch langwierig und mitunter verstörend die Suche nach der Wahrheit sein kann.“

Zum vollständigen Text der Studie geht es hier.

Links

Website des Rote-Khmer-Tribunals (englisch)

Der Politikwissenschaftler Wolfgang Form über das Rote Khmer-Tribunal

Der Rechtswissenschaftler Jörg Menzel über das Rote Khmer-Tribunal (Registrierung erforderlich)

Der Rechtswissenschaftler Philippe Gréciano über die Verpflichtungen der internationalen Justiz (Registrierung erforderlich)

 

Nach der Diktatur. Instrumente der Aufarbeitung autoritärer Systeme im internationalen Vergleich

Ein Projekt am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg

Twitter: @afterdictatorship
Instagram: After the dictatorship

Mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Buddhistisches Peacebuilding in Kambodscha

Orange gekleidete Mönche gehören in Kambodscha zum Straßenbild. Doch unter den Roten Khmern wurde ein Großteil von ihnen umgebracht.  Für den Aufbau der neuen Gesellschaft sollten die religiösen Bindungen wie alle kulturellen Traditionen zerstört werden. Gleichwohl sprach sich der Patriarch des kambodschanischen Buddhismus nach dem Ende des Kommunismus gegen eine Bestrafung der Täter aus. Ein Aufsatz schildert den ungewöhnlichen Ansatz Maha Ghosanandas beim Umgang mit der Vergangenheit.

Ghosanandas Beitrag zur Überwindung der blutigen Auseinandersetzungen hat die Referentin des Vereins Forum Ziviler Friedensdienst, Hannah Landwehr, in einem Sammelband über „Postsäkulare Weltpolitik“ herausgearbeitet. Die Religion, so die Autorin, bilde trotz des Versuchs der Roten Khmer, sie auszumerzen, nach wie vor das Herzstück der kambodschanischen Gesellschaft. Auch der buddhistische Tempel stelle immer noch den Mittelpunkt des kambodschanischen Lebens dar. Großes Vertrauen als moralische Instanz genieße zudem die kambodschanische Mönchsgemeinschaft, die als politisch neutraler Vermittler zwischen König, Staat und Bevölkerung fungiere.

Vor diesem Hintergrund habe der 2007 verstorbene Buddhistenführer eine wichtige Rolle beim schwierigen Prozess der Aussöhnung gespielt. Von großer symbolischer Bedeutung sei bereits seine Teilnahme an den Friedensverhandlungen Ende der 1980er Jahre gewesen nicht als Verhandlungsführer, sondern als spiritueller Begleiter. Er und zahlreiche Mönche hätten die Verhandlungen damals mit Meditationen und Gebeten in ein buddhistisches Setting eingebettet. Ab 1992 habe Ghosanandas dann jedes Jahr Pilgermärsche organisiert, die sogenannten Dhammayietra-Märsche. Sie beruhten auf einer 2500 Jahre alten buddhistischen Tradition. Mönche zogen dabei durchs Land, segneten die Dorfbewohner mit geweihtem Wasser als Zeichen spiritueller Reinigung und tauchten brennende Weihrauchzweige in geweihtes Wasser als symbolische Geste, um die Flammen des Krieges auszumerzen.

Während in den christlich geprägten Gesellschaften des Westens die Bestrafung des Täters im Mittelpunkt stünde, verfolge der Buddhismus einen Weg der Versöhnung. Auch den Kämpfern und Führern der Roten Khmer habe Ghosananda deshalb seinen Segen gespendet. Statt sie vor Gericht zu stellen, habe er dafür plädiert, dass sie sich den Kopf rasierten und Mönche würden – als Mittelweg zwischen Gnade und Verurteilung. 

Was für westliche Ohren ungewöhnlich klingt, macht aus Sicht der Autorin in Kambodscha durchaus Sinn. In einer Gesellschaft, in der die Vorstellungen eines liberalen demokratischen Staates bisher unbekannt seien, könne die Entwicklung friedlicher gesellschaftlicher Strukturen nicht allein auf Verfassungsreformen und Wahlen beruhen. Westliche Konfliktlösungsmodelle müssten vielmehr um lokale Strategien der Konfliktlösung ergänzt werden. Denn diese würden oftmals ungeahnte Friedenspotentiale in sich bergen. Angesichts einer durch den Krieg tief gespaltenen Gesellschaft stelle der Buddhismus in Kambodscha das einzige identitätsstiftende Moment aller Konfliktparteien dar.

Zum Sammelband mit dem Beitrag von Hannah Landwehr geht es hier.