Zeitzeugen aus Deutschland

Drei Menschen zünden bei einer Gedenkveranstaltung eine Kerze an – die Jüdinnen Ela Stein-Weissberger und Inge Auerbacher sowie der ehemalige US-Soldat Jimmy Gentry, der das Konzentrationslager Dachau mitbefreite. Zeitzeugen wie sie spielen bei der Aufarbeitung der Vergangenheit eine große Rolle. Zwar gibt es nur noch wenige Überlebende aus der Zeit des Nationalsozialismus, doch viele ihrer Berichte sind im Internet zugänglich. Zeitzeugen aus der DDR treten bis heute bei Veranstaltungen auf.

Credit: USDAgov

„Unten stand die johlende Menge“

In der Nacht vom 9. zum 10. November organisierte das nationalsozialistische Regime in ganz Deutschland gewaltsame Übergriffe auf Juden und ihr Eigentum – wie auf dieses Bekleidungsgeschäft in Magdeburg (Foto). Dabei wurden mindestens 400 Juden ermordet oder in den Selbstmord getrieben. Tausende Geschäfte, Wohnungen, Friedhöfe und Synagogen wurden beschädigt oder zerstört. Etwa 30.000 Juden kamen anschließend in Konzentrationslager. Die Schriftstellerin, Übersetzerin und Bibliothekarin Josepha von Koskull war Augenzeugin der Pogrome in Berlin.

"Nahe von der Bank, in der ich arbeitete, war das Konfektionsviertel, der Sitz der "Haute Couture" von Berlin, die vor dem Kriege sehr bedeutend war und viel für den Export nach den nordischen Ländern arbeitete. Die Inhaber dieser Modehäuser waren meist Juden. Als ich um sechzehn Uhr aus dem Bankgebäude herauskam, hörte ich wüstes Schreien und Brüllen, man plünderte die Stofflager der Konfektionshäuser. Mir wurde ganz übel dabei, aber ich hatte immer noch die Instinkte einer Journalistin, ich musste dabei sein, wenn etwas so Aufregendes, so Einmaliges in Berlin geschah.

Wenn ich heute daran zurückdenke, nachdem ich die entsetzlichen Kriegsjahre in Berlin überlebt habe, kommt mir die Plünderung nicht mehr so grausig vor, aber damals war es ein Eindruck, der höllisch war. Aus den obersten Stockwerken warfen SA-Männer ganze Stoffballen herunter, die schönsten bunten Seiden wehten wie lange Fahnen an den Häuserfronten herab, unten stand die johlende Menge und riss sie an sich. Man sah Leute, die die Ballen in Autotaxen packten und mit ihrer Beute wegfuhren. Manchmal wurde ein Eimer Wasser herunter gegossen, um die Menge auseinander zu jagen, dann warfen die SA-Männer die Schreibmaschinen herunter, die in Stücke zersplitterten. Die Polizei stand untätig dabei. Weiterlesen

Links

Videointerviews der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Registrierung erforderlich)

Biografische Interviewfilme „Zeugen der Shoah“ (Registrierung erforderlich)

Zugang zu den Oral-History-Beständen der "USC Shoah Foundation" (Anmeldung erforderlich)

 

Nach der Diktatur. Instrumente der Aufarbeitung autoritärer Systeme im internationalen Vergleich

Ein Projekt am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg

Twitter: @afterdictatorship
Instagram: After the dictatorship

Mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

„Zu dem Dr. Mengele musste ich auch“

„Arbeit macht frei“ – der zynische Leitspruch der Nationalsozialisten steht immer noch am Eingang zum ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz I. Heinrich Himmler ließ das Lager 1940 im besetzten Polen errichten und zu einem riesigen Lagerkomplex ausbauen. Etwa 1,1 Millionen Menschen wurden hier ermordet, unter ihnen knapp 20.000 Roma und Sinti. Die 92-jährige Philomena Franz erinnert sich, wie sie im April 1943 in das sogenannte Zigeunerlager des KZs kam. 

„Im Untersuchungsraum hat einer der SS-Männer gesagt, meine Haare sollten nicht rasiert werden, ich hatte ja Haare bis über die Taille. Die Frau, die neben mir stand, sagte: ‚Mensch, du hast es gut, du darfst ins Bordell.‘ Ich habe losgeschrien: ‚Nein, da gehe ich nicht hin. Lieber sterbe ich!‘ Der SS-Mann hat mich dann weggestoßen, und eine Frau hat mich geschnappt und mir die Haare rasiert.

Der Mann, der mich tätowiert hat, sagte: ‚So ein schönes Mädchen, ich mache dir eine schöne Tätowierung.‘ Ich habe die Nummer 10550. Und das Z, das steht für Zigeunerlager. Dann musste ich zur Rassen- und Sippenforscherin, die hat uns die Nase, die Ohren, die Augen ausgemessen und zu mir gesagt: ‚Lauf mal!‘. Da hat sie gesagt: ‚Ja, typisch Inderin.‘ Die Sinti kommen ja aus Indien.

Zu dem Dr. Mengele musste ich auch. Der hat ja die Medizinversuche gemacht. In einem Raum lagen ein erwachsener Mensch und ein Kind nebeneinander, die waren aufgeschlitzt. Und Reagenzgläser standen herum mit Teilen von Menschen, Leber, Galle. Mir haben sie eine Spritze gegeben, tief in den Brustkorb, ich habe noch eine Narbe davon. Ich war zwei Wochen gar nicht richtig bei Bewusstsein.“

Zum vollständigen Bericht von Philomena Franz geht es hier.

"Die brennenden Gardinen wedelten schon ins Zimmer"

Wie die meisten deutschen Städte wurde Leipzig während des Zweiten Weltkrieges durch Bombengriffe der USA und Großbritanniens schwer zerstört. Noch vier Jahre nach Kriegsende stapelten sich vor der berühmten Thomaskirche, an der einst Johann Sebastian Bach gewirkt hatte, die Ziegelsteine zerstörter Häuser (Foto). Bei den Bombardierungen starben etwa 6000 Menschen. Die Berufsschullehrerin Elke Rau erinnert sich, wie sie als Kind den schwersten Luftangriff auf die Stadt erlebte.

"Ich war im Dezember 1943 fünf Jahre alt und kann mich an nur wenige Ereignisse aus diesen frühen Kindheitstagen erinnern. Eines davon ist der Bombenangriff auf Leipzig am 4. Dezember 1943, dem dritten Geburtstag meiner jüngeren Schwester, die mit Mumps im Bett lag.

Meine Mutter hatte noch am späten Abend des Vortages Kuchen gebacken und dann gewartet, bis mein Vater von seinem Dienst - als Musiker erst nach 1 Uhr - nach Hause kam. So waren sie gegen 4 Uhr, als der Fliegeralarm einsetzte, im ersten, festen Schlaf und hatten ihn überhört. Ich war die erste, die erwachte, und sah entsetzt, wie schon die brennenden Gardinen durch die geborstenen Fensterscheiben ins Schlafzimmer wedelten. Meine Eltern konnten uns nur noch eiligst in je eine Decke wickeln und mit uns auf dem Arm die 4 Etagen in den Luftschutzkeller hinunterrennen, wo die Tür schon verschlossen war. Auf unser lautes, panisches Klopfen ließ uns der Luftschutzwart unter Schimpfen wegen der Verspätung ein und war sehr ungehalten, als meine Eltern darum baten, noch einmal hinauf in die Wohnung zu wollen. Wir hatten ja alle vier nur Nachtwäsche auf dem Leib und auch der sorgsam gepackte Luftschutzkoffer stand in der 4. Etage. Das waren ewig lange 20 Minuten bis unsere Eltern wieder vor uns standen! Dass sie durch ihr Hinaufgehen das Haus gerettet haben, konnten wir im Keller nicht wissen. Gemeinsam mit einigen Hausbewohnern konnten sie gerade eingeschlagene Brandbomben löschen."

Zum vollständigen Bericht von Elke Rau geht es hier.

"Die Masse machte sie stark und mutig"

Ein sowjetischer Panzer rattert durch die Innenstadt von Leipzig.  Das Foto zeigt, wie Einheiten der Roten Armee den Aufstand in der DDR am 17. Juni 1953 niederschlagen. Eine Demonstration Ost-Berliner Bauarbeiter hatte damals einen Flächenbrand ausgelöst. Tausende von Arbeitern traten in den Streik und demonstrierten gegen die Politik des kommunistischen Regimes. Der Lehrer Wilhelm Fiebelkorn erinnert sich an Anfang und Ende des Aufstands in der Industriestadt Bitterfeld.

„Dann aber, es war so gegen 9.30 Uhr, schob sich eine schwarze Wand wogend vorwärts über die Bahnüberführung dicht an unserer Schule. Die Arbeiter kamen! Vor Erregung schlug mein Herz bis zum Hals. Ich sah, daß die Arbeiter sich gegenseitig untergehakt hatten. Ein jeder zog und schob jeden. Die Fühlung, die Masse, machte sie stark und mutig. Vor der schwarzen Menschenmasse ging ein einzelner Mann: Paul Othma. (...)

Ich war wie in einem Rausch. Zuerst stand ich an der Hoftür. Schüler stürmten aus der Schule. Fenster wurden aufgerissen. Einige Lehrer standen plötzlich neben mir. ‚Machen wir mit?‘ fragte ich sie. Sie standen da, offenbar von dem Ereignis völlig überrascht, unfähig etwas zu sagen. Vielleicht dachten sie in diesem Augenblick weiter als ich.“

Zum vollständigen Bericht von Wilhelm Fiebelkorn geht es hier.

"Fenster auf! Druckmaschinen kommen!"

Die Arme vor der Brust verschränkt oder die Hände in den Taschen – mit dieser Körperhaltung zeigen fünf DDR-Oppositionelle ihren stummen Protest, als sie bei einer Razzia der ostdeutschen Geheimpolizei fotografiert werden. Im November 1987 waren sie vom Staatssicherheitsdienst beim Druck einer Untergrundzeitschrift überrascht worden. Sie wurden verhaftet, wenig später aber aufgrund massiver Proteste wieder freigelassen. Die Druckmaschine hatte ein Politiker der westdeutschen Grünen nach Ost-Berlin geschmuggelt. In einem Interview erinnert sich der Bürgerrechtler Stephan Bickhardt, wie die Maschine unter den Augen der Stasi in die Hände der Oppositionellen gelangte.

„Heinz Suhr war damals Bundestagsabgeordneter der GRÜNEN und brachte damals – von Jürgen Fuchs und Wolf Biermann bezahlt – drei Druckmaschinen im Auto herüber. Und die hatten also die tolle Idee, also komm, wir fahren jetzt bei Bickhardts lang, die wohnen Parterre, da kann man die Maschinen schnell durchs Fenster reintun. Dann klingelten die bei mir – und Wolfgang Templin […] rannte in unsere Wohnung und sagte: Fenster auf! Druckmaschinen kommen!

Und dann hab ich gesagt: Moment mal, ich will mir das erst mal angucken. Und dann hab ich das Fenster aufgemacht und da sah ich bestimmt 20 Stasi-Leute drum rum in Autos – Wartburg, Trabant und was nicht alles. Und dann sagte ich: Nein, kommt nicht infrage!"

Zum vollständigen Bericht von Stephan Bickhardt und seiner Frau Kathrin geht es hier.