Erinnerungsorte in Tunesien

„RCD Dégage“ - „RCD verschwinde“ steht auf den Zetteln, die Teilnehmer dieser Demonstration am 21. Januar 2011 in Tunis hochhalten. Sie protestieren gegen die Staatspartei von Diktator Ben Ali, die das Land jahrzehntelang beherrschte. Die Bilder der tunesischen Demonstranten gingen damals um die ganze Welt. Doch bis heute gibt es keinen nationalen Gedenkort für die Opfer der Diktatur in Tunesien.

Credit: Habib Mhenni / Wikimedia Commons

Innenministerium in Tunis

Geradezu idyllisch wirkt das Gebäude des Innenministeriums an der Avenue Habib Bourguiba in Tunis hinter den Fontanen eines Springbrunnens. Die Erinnerungen vieler Tunesier an den gut gesicherten Bau sind allerdings weniger positiv. Denn hier residierte die "Direktion für Staatssicherheit", wie sich die tunesische Geheimpolizei nannte.

Das klotzige Gebäude stammt noch aus der französischen Kolonialzeit. Im Erdge­schoss befand sich ein kleiner Zellentrakt. In den oberen Etagen fanden Verhöre und Folterungen statt. Für viele Inhaftierte begann hier ihre oft mehrjährige Odyssee durch die Gefängnisse Tunesiens. Im März 2011 verkündete das Innenministerium die Auflösung des Staatssicherheitsdienstes. Im Oktober ließ es die Zellentüren von Kindern mit bunten Bildern bemalen. Doch für ein öffentliches Gedenken ist der Ort nach wie vor nicht zugänglich.

Website des tunesischen Innenministeriums (französisch)

 

Nach der Diktatur. Instrumente der Aufarbeitung autoritärer Systeme im internationalen Vergleich

Ein Projekt am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg

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Mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Gefängnis 9. Avril

Auf dieser verwilderten Wiese an der Avenue „9 Avril“ in Tunis deutet nichts mehr darauf hin, dass sich hier jahrzehntelang das größte  Gefängnis Tunesiens befand. Der für 1500 Häftlinge ausgelegte Zellenbau wurde noch in der Kolonialzeit errichtet. Doch während der Diktatur unter Bourguiba und Ben Ali lag die Zahl der Inhaftierten oft darüber.

Nach der tunesischen Unabhängigkeit waren in dem Gebäude Tausende politische Gefangene in Haft. Auch eine Guillotine befand sich hier, die noch Anfang der 1990er Jahre Verwendung fand. 2004 wurde das Gefängnis geschlossen, drei Jahre später abgerissen. Nach dem Sturz der Diktatur wurde unter der Wiese ein Massengrab entdeckt.

2012 kündigte der Premierminister der gemäßigt islamistischen Ennahda-Partei, Hamadi Jebali, an, auf dem Gelände eine nationale Gedenkstätte zu errichten. Die Pläne wurden jedoch nie verwirklicht. 2017 erklärte der tunesische Justizminister Ghazi Jeribi, dass statt dessen ein Gerichtsgebäude entstehen solle. Am 26. Juni, dem internationalen Tag zur Unterstützung der Opfer von Folter, ziehen Menschenrechtsorganisationen hierhin, um an die Inhaftierten zu erinnern, die in dem Gefängnis gelitten haben.