Zeitzeugenaussagen aus Taiwan

Rund vier Jahrzehnte durfte man in Taiwan über die Verfolgungen während des Kriegsrechtes nicht öffentlich sprechen. Skizzen wie diese, die im früheren Umerziehungsgefängnis "Villa Oasis" hängen, waren oft die einzigen Dokumente, die vom Vorgehen der Geheimpolizei Zeugnis ablegten. Erst in jüngster Zeit wurden deren Archive teilweise zugänglich gemacht. Doch was sich wirklich hinter den Toren der Lager und Gefängnisse abspielte, findet man nur in den Berichten der Opfer.

Credit: Hubertus Knabe

“Das kann ich ihnen niemals vergeben”

18 Jahre war die Gymnasiastin Chang Chang-Mei, als sie im April 1950 in ihrer Schule in Taichung verhaftet wurde. Sie wurde beschuldigt, einer “aufrührerischen Organisation” anzugehören. Erst im Juli 1962 - nach zwölf Jahren und 100 Tagen Haft - kam sie wieder frei. Das Menschenrechtsmuseum ist mit Chang Chang-Mei zu den Schauplätzen ihrer Verfolgung gefahren und hat ihr Schicksal in einem Zeitzeugenvideo dokumentiert. Darin erinnert sie sich an ihre Verhaftung und die Geräusche nächtlicher Folterungen.

“Der Schulleiter sagte zu mir, die beiden Männer hätten Fragen an mich, geh mit ihnen mit. Wir folgten ihnen und gingen durch das Schultor hinaus. Draußen wartete ein Jeep, wir stiegen ein und fuhren mit. Wir hatten keine Ahnung, dass wir verhaftet wurden. Der Jeep hielt am Bahnhof Taichung. Dort gab es ein kleines Zimmer. Sie öffneten es und ließen uns herein. Ich war schockiert und fing an, vor Angst zu schreien. Ich dachte, es wäre ein Gefängnis, denn es war rundum vergittert. Ich sagte zu ihnen: "Haben Sie nicht gesagt, dass Sie Fragen an uns haben, warum sind wir dann hier?" Ich fing laut zu weinen an. Einer sagte, die Fragen würden sie später stellen. Dann forderten sie uns auf hineinzugehen. Später kamen noch zwei Mitschüler, die schon ihren Abschluss gemacht hatten. Ich hatte keine Ahnung, wie sie hießen, denn in unserer Zeit wurden Schülerinnen und Schüler nicht ermutigt, miteinander zu sprechen. Dann wurden alle eingesperrt und gefesselt. Nur ich wurde nicht gefesselt. Ich weinte fast die ganze Nacht, bei Tagesanbruch weinte ich immer noch. Dann mussten wir den Geheimpolizisten folgen. [...] Erst nach mehr als einem Monat fingen sie an, mich zu befragen. […]

 Es war klar, dass jede Nacht Menschen geschlagen wurden. Normalerweise begann das Prügeln um drei oder vier Uhr morgens. Wir wagten nicht zu schlafen, blieben wach und konnten nicht einschlafen. Wir konnten die Geräusche sehr deutlich hören, ein schmerzhaft geschrieenes „Aaaah“. Solche Szenen kennt man sonst nur aus Filmen. Das Geräusch des Schlagens und Schreiens war so laut, dass alle aufstanden und nicht schlafen konnten, obwohl wir sehr müde waren. Von Zeit zu Zeit wurde die Stimme leiser. Ich dachte, es wäre vorbei, aber das war es nicht. Plötzlich hörten wir Wassergeräusche. Das Opfer war so lange geschlagen worden, bis es ohnmächtig geworden war. Dann wurde es still. Ich wurde neugierig und wollte erfahren, was geschehen war. Die Zellentür war aus Holz und hatte unten eine Öffnung, durch die das Essen hineingereicht wurde. Ich sah jemanden, der in der Nacht zusammengeschlagen worden war. Beide Beine waren stark geschwollen und sie schienen gehäutet zu sein. Er war nicht in der Lage, mit den Fesseln zu laufen. Mehrere Insassen, jeweils zwei auf beiden Seiten, trugen ihn auf den Schultern heraus. [...] Wie viele von uns wurden in der Zeit des Weißen Terrors getötet, eingesperrt und verletzt! Das werde und kann ich ihnen niemals vergeben!”

Zur Videodokumentation über Chang Chang-Mei geht es hier (chinesisch mit englischen Untertiteln).

Link

Zeitzeugenvideos des Nationalen Menschenrechtsmuseums (englisch)

 

Nach der Diktatur. Instrumente der Aufarbeitung autoritärer Systeme im internationalen Vergleich

Ein Projekt am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg

Twitter: @afterdictatorship
Instagram: After the dictatorship

Mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

"Ich hatte keine Ahnung, was mein Verbrechen war"

Am 16. August 1950, zwei Tage nach seinem 21. Geburtstag, wurde Chang Ta-Pang in der taiwanesischen Stadt Tainan verhaftet. Die Geheimpolizei warf ihm die Unterstützung einer aufwieglerischen Organisation vor. Im März 1951 verurteilte ihn ein Gericht zu zehn Jahren Gefängnis, die er bis auf den letzten Tag absitzen musste. In einer Videodokumentation des Nationalen Menschenrechtsmuseums beschreibt er, wie er von dem Urteil erfuhr.

„Aus welchen Gründen auch immer war ich von der Polizei verhaftet und ohne irgendeinen Beweis angeklagt worden. Ich wurde jedoch nicht vor ein ordentliches Gericht gestellt und hatte auch keinen Verteidiger. Ich hatte keine Ahnung, was mein Verbrechen war. Selbst wenn ich wegen eines tatsächlichen Verbrechens angeklagt worden wäre, hätte ich einen Anwalt und einen ordentlichen Gerichtsprozess haben müssen. Ich hatte nichts dergleichen.

Ein schriftliches Urteil habe ich nicht erhalten, ich habe es nur gesehen. Ich wurde in das Militärgefängnis nebenan geschickt. Der Aufseher hatte mein schriftliches Urteil in der Hand. Alle, die das gleiche Urteil wie ich bekommen hatten, waren im selben Raum – so viele Menschen in einer Zelle! Alle schauten gespannt. Ich sah meinen Teil des Urteils, dass ich mich schuldig gemacht hätte, einer Partei beigetreten zu sein, und deshalb zu zehn Jahren Haft verurteilt worden sei. Den Rest verstand ich nicht. Über zwanzig von uns hatten den gleichen Satz erhalten. Sie zeigten uns nur kurz unser Urteil und nahmen es nach fünf Minuten wieder an sich.

Die anderen sagten, dass wir zumindest nicht tot seien, dass es gut sei, am Leben zu sein. Wie soll man reagieren, wenn man das hört? Ich habe nichts davon verstanden. Alles, was ich hörte, war, dass es gut war, nicht tot zu sein. Ich hatte nichts darauf zu erwidern. Nachdem das Urteil verkündet worden war, wurde ich in ein Arbeitsgefängnis gesteckt.“

Zur Videodokumentation über Chang Ta-Pang geht es hier (chinesisch mit englischen Untertiteln).